„Wir sagen auch einmal Nein“
- 14. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Juli
Oliver Hoffmann, Geschäftsführer von KUMAVISION, spricht in diesem Interview über den erfolgreichen Einsatz Künstlicher Intelligenz im Mittelstand, den richtigen Einstieg in KI-Projekte, die Rolle von ERP als Datenbasis sowie darüber, warum KI-Agenten zunehmend produktive Aufgaben in der Fertigungsindustrie übernehmen – und weshalb der Mensch dabei der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt.

Künstliche Intelligenz gilt als wichtiger Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Zwischen strategischer Bedeutung und produktivem Einsatz besteht in vielen Unternehmen jedoch noch eine deutliche Lücke. Im Gespräch erläutert Oliver Hoffmann, warum erfolgreiche KI-Projekte nicht bei der Technologie, sondern beim konkreten Geschäftsproblem beginnen, welche Rolle ERP-Systeme als Datenbasis spielen und weshalb KI-Agenten die Fertigung nachhaltig verändern werden, ohne den Menschen aus dem Prozess zu verdrängen.
Herr Hoffmann, es gibt kaum ein Industrieunternehmen, das sich nicht mit KI beschäftigt. Wie viel davon kommt tatsächlich in der Praxis an?
Weniger, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Die strategische Relevanz von KI ist im Mittelstand längst erkannt, an produktiven, skalierbaren Lösungen fehlt es aber noch vielerorts. Was fehlt, ist selten der Wille, sondern der richtige Einstiegspunkt. Viele Unternehmen stellen die Frage: Wo können wir KI einsetzen? Das ist aus unserer Sicht die falsche Frage. Die richtige lautet: Wo wollen wir uns verbessern? Genau damit starten wir in unseren Discovery Sessions: Die Mitarbeitenden unserer Kunden bringen ihre Prozesserfahrung ein, wir das Wissen aus vielen KI- und ERP-Projekten. Man muss nicht jeden Fehler selbst machen.
Das klingt, als würden Sie Kunden gelegentlich auch von KI-Projekten abraten.
Das kommt vor, ja.
Nicht jedes Problem ist ein Fall für KI. Erstaunlich viele Aufgaben lassen sich mit klassischer Automatisierung oder einer gut eingerichteten Branchensoftware besser, schneller und günstiger lösen.
Wir beraten technologieoffen: Am Anfang steht das Problem, dann die Lösung und erst dann das Werkzeug – nie umgekehrt. Wer mit dem Tool anfängt, sucht hinterher das Problem dazu, und das geht fast immer schief. Wir verstehen uns als Trusted Advisor.: nicht alles verkaufen, was geht, sondern das empfehlen, was nachhaltig trägt. Dazu gehört, auch einmal Nein zu sagen.
Sie erwähnen die Branchensoftware, das ist das Kerngeschäft von KUMAVISION. Was leistet eine Branchenlösung, was ein Standard-ERP nicht kann?
Sie nimmt Unternehmen die Arbeit ab, das Rad neu zu erfinden. Unsere ERP-Branchenlösungen bringen Hunderte Best-Practice-Referenzprozesse mit, die sich bei führenden mittelständischen Industrieunternehmen bewährt haben – vom Auftragseingang über die Fertigung bis zum Service.
Der Kunde erhält ein vorkonfiguriertes, sinnvoll eingerichtetes System samt Schulungsunterlagen und kann direkt damit arbeiten, statt monatelang einen Standard anzupassen.
Für die Einführung haben wir mit SmartStart eine klare Projektmethodik entwickelt, die Risiken bei Zeit, Kosten und Umfang eliminiert. Wenige Wochen bis zum Live-Start sind möglich, das belegen unsere Kundenprojekte. Und das ist auch die Basis für alles, was wir über KI gesprochen haben: Saubere Prozesse und eine verlässliche Datenbasis im ERP sind das Fundament, auf dem KI überhaupt erst wirken kann.
Was haben Sie aus den bisherigen KI-Projekten im Mittelstand gelernt?
Das vielleicht überraschendste Learning: Ein KI-Projekt zwingt Unternehmen, ganz genau zu beschreiben, was in ihren Prozessen eigentlich passiert. Dabei stellt sich oft heraus: Das wusste vorher niemand so genau. Diese Klarheit ist ein Gewinn für sich, unabhängig davon, ob am Ende eine KI läuft. Das zweite Learning betrifft das Vorgehen: Wir warten nicht zwölf Monate auf die perfekte Lösung, sondern liefern früh einen Prototypen und verbessern ihn iterativ. So entsteht schnell sichtbarer Nutzen und nebenbei Vertrauen im Team, dass KI wirklich etwas bewegen kann.

Welche Anwendungen funktionieren in der Fertigungsindustrie heute schon?
Sehr viel läuft dort, wo Dokumente und Daten zusammentreffen. Ein Beispiel: Ein Kunde erhält täglich große Mengen an Auftragsbestätigungen in unterschiedlichsten Formaten. Unsere KI-Lösung extrahiert die relevanten Informationen und überträgt sie direkt ins ERP, wo die Folgeprozesse sofort starten. Das spart Zeit und steigert die Datenqualität messbar. Ein anderes Feld ist die semantische Suche: Schraubenzieher oder Schraubendreher? Edelstahl, V2A oder einfach rostfrei? KI versteht, was gemeint ist, etwa bei der automatisierten Artikelzuordnung in Ausschreibungen. Dazu kommen KI-gestützte Recherche im Einkauf oder Bilderkennung für Schadensmeldungen. Entscheidend ist immer dasselbe: Die KI ist in den End-to-End-Prozess eingebettet. Eine isolierte KI-Lösung bleibt ein Werkzeug, aber kein Produktivitätshebel.
Die nächste Stufe sind KI-Agenten. Hype oder Realität?
Realität. Und ein gewaltiger Entwicklungsschritt. Wir bewegen uns vom Assistenten zum Agenten, von der Antwort zur Aktion. Ein Agent wartet nicht mehr auf eine Frage, sondern übernimmt selbstständig Aufgaben: Belege prüfen, Dispositionsentscheidungen vorbereiten, Bestellungen anlegen.
Wir haben eigene Agenten für Disposition, Logistik, Vertrieb, Controlling und Service entwickelt, also für die Kernprozesse, in denen der Hebel im Mittelstand am größten ist.
Auf unserem Kundenforum haben wir sie kürzlich vorgestellt und intensiv mit unseren Kunden diskutiert. Dieser Dialog ist essenziell für uns. Denn die Kombination aus Branchen-, Beratungs- und Technologiekompetenz entsteht nur gemeinsam.
KUMAVISION setzt konsequent auf Microsoft Dynamics 365. Warum ist die Plattformfrage gerade bei KI so wichtig?
Wegen der Daten und dem sicheren Umgang damit. Neben dem ERP rücken zunehmend Daten aus anderen Applikationen in den Mittelpunkt, aus CRM, Service, Outlook, Office oder Dokumentenmanagement. Dynamics 365 schafft eine gemeinsame Datenbasis, das vereinfacht KI-Projekte ungemein. Hinzu kommt, das Compliance, Datenschutz und Zugriffsberechtigungen systemweit geregelt sind, was bei KI ein entscheidender Vorteil. Einfach weil kein Risiko besteht, dass unberechtigt auf sensible Daten zugegriffen wird. Dazu kommt: Wir müssen keine Schnittstellen bauen, sondern können uns ganz auf die oft anwendungsübergreifenden Geschäftsprozesse fokussieren. Die Fragen der Geschäftsführer sind zuletzt deutlich konkreter geworden: Wo liegen unsere Daten? Wer trainiert damit Modelle? Wie steht die Lösung zum EU AI Act? Das sind die richtigen Fragen und eine Plattform mit europäischer Datensouveränität ist darauf die belastbare Antwort.
Sprechen wir über die Menschen. Viele Mitarbeitende verbinden KI mit der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz.
Diese Sorge nehme ich ernst, aber sie führt in die falsche Richtung. Gerade die österreichische Industrie kämpft vielerorts mit Fachkräftemangel und damit, dass langjährige Mitarbeitende in Pension gehen und enormes Wissen verloren geht. KI soll den Beitrag der Menschen zur Wertschöpfung erweitern, nicht ersetzen.
Aber die Rolle der Menschen wird sich massiv verändern, das dürfen wir nicht kleinreden. Mitarbeitende übernehmen mehr Verantwortung: Sie müssen die Ergebnisse einer KI bewerten können, sonst lässt sie sich nicht sinnvoll einsetzen.
Diese Befähigung ist eine Führungsaufgabe. Künftig werden Menschen sogar Vorgesetzte von Agenten sein. Darauf bereitet bislang keine Ausbildung vor. Auch klassische Karrierewege vom Junior zum Senior stehen infrage, wenn Routineaufgaben zur Einarbeitung wegfallen. Wir machen diese Transformation selbst durch, genauso wie unsere Kunden. Wir sprechen aus eigener Erfahrung, nicht von Folien.
Sie sagen, Sie kennen den Mittelstand aus eigener Erfahrung. Wer ist KUMAVISION?
Wir sind vor über 30 Jahren im Dreiländereck am Bodensee gestartet, mit ERP-Software groß geworden und haben das Portfolio kontinuierlich ausgebaut, um End-to-End-Prozesse abzubilden: CRM, Business Intelligence, Dokumentenmanagement, KI und Automatisierung. In gewisser Weise sind wir selbst ein Hidden Champion, wie viele unserer Kunden: Gemeinsam mit unserer italienischen Beteiligung EOS Solutions gehören wir zu den weltweit größten Implementierungspartnern für Microsoft Dynamics 365 Business Central und beschäftigen rund 1000 Mitarbeitende. Auch an Standorten in Österreich, also in Lustenau, Innsbruch und Wien, denn regionale Nähe zählt für uns auch in Zeiten von Teams und Videocalls. Wir sind organisch gewachsen und kennen die Herausforderungen des Mittelstands aus eigener Anschauung. Dabei ist es uns gelungen, unseren Pioniergeist beizubehalten. Innovation ist zentraler Teil unserer DNA. Wir haben die weltweit erste Branchensoftware für Navision entwickelt, später die erste als SaaS-Lösung für Business Central. Und worauf ich besonders stolz bin: Der Dialog auf Augenhöhe ist bei uns kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Realität. Das zeigt das Feedback unserer oft langjährigen Kunden.
Zum Schluss: Was raten Sie Industrieunternehmen in Österreich, die beim Thema KI noch zögern?
Anfangen. Zum ersten Mal steht eine derart innovative Technologie sofort auch dem Mittelstand zur Verfügung und ist nicht den großen Konzernen vorbehalten. Diese Chance sollte man nutzen, denn Kostendruck, instabile Lieferketten und internationale Konkurrenz warten nicht.
Mein Rat: klein starten, mit einem Prototypen, in einem Prozess mit echtem Hebel und iterativ besser werden. Viele begehen den Fehler, alles in eine Lösung pressen zu wollen.
Das klappt nicht. Entscheidend ist nicht die Technologie allein, sondern die Haltung: KI als strategisches Werkzeug begreifen, Schritt für Schritt vorgehen und dabei den gesamten Prozess und die Menschen im Blick behalten.
it&d business Redaktion





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