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Vertrauen wird zur Schwachstelle im Cyberbetrug

vor 9 Minuten
3 Min. Lesezeit

Generative KI und vorgefertigte Betrugswerkzeuge senken laut einem aktuellen Bericht von NordVPN die Einstiegshürden für Cyberkriminelle. Gleichzeitig verlagern sich Angriffe zunehmend auf den Menschen: Phishing, gestohlene Identitätsdaten und gekaperte Sessions sollen Vertrauen gezielt ausnutzen und technische Schutzmaßnahmen teilweise umgehen.



Fotos: NordVPN
Fotos: NordVPN

Vertrauen wird zunehmend selbst zur Sicherheitslücke. Zu diesem Schluss kommt NordVPN in seinem ersten „Consumer Cybersecurity Report“, für den der Anbieter eigene Threat-Intelligence-Daten aus dem Zeitraum Jänner bis Juni 2026 ausgewertet hat. Demnach entwickelt sich Cyberkriminalität weg von rein technischen Massenangriffen hin zu gezielteren Betrugskampagnen, bei denen psychologische Faktoren wie Dringlichkeit, Gier oder das Vertrauen in bekannte Marken eine wesentliche Rolle spielen.


Eine treibende Kraft hinter dieser Entwicklung sieht NordVPN in generativer künstlicher Intelligenz und der zunehmenden Industrialisierung von Cyberbetrug. Vorgefertigte „Fraud Kits“ und KI-Modelle ohne entsprechende Sicherheitsbeschränkungen erleichtern demnach die Durchführung von Angriffen. Die dafür notwendigen technischen Kenntnisse und Ressourcen nehmen ab. Für Unternehmen ist diese Entwicklung auch deshalb relevant, weil sich private und berufliche digitale Identitäten, Endgeräte und Accounts im Alltag häufig nicht vollständig voneinander trennen lassen.



Malware und Phishing bleiben zentrale Bedrohungen


Die Größenordnung der von NordVPN beobachteten Aktivitäten ist beträchtlich. Nach Angaben des Unternehmens werden täglich mehr als zwölf Millionen einzigartige URLs verarbeitet und monatlich rund 360 Millionen unterschiedliche Webadressen analysiert. Im Durchschnitt blockierten die Systeme täglich 130.000 als bösartig eingestufte Seiten.

Malware stellte im Untersuchungszeitraum die volumenmäßig größte Bedrohungskategorie dar. Allein im Jänner 2026 wurden laut Bericht mehr als fünf Millionen Malware-Versuche blockiert. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Infostealer. Diese Schadprogramme sind darauf ausgelegt, sensible persönliche und finanzielle Informationen zu entwenden. Dazu zählen etwa Zugangsdaten zu Bankkonten, Kreditkarteninformationen sowie Daten zu Kryptowährungs-Wallets und anderen digitalen Vermögenswerten.


Auch klassische Phishing-Methoden bleiben relevant. NordVPN registrierte mehr als 4,4 Millionen blockierte Phishing-Verbindungen. Auffällig ist dabei die Konzentration auf eine vergleichsweise geringe Zahl bekannter Marken: 99 Prozent der beobachteten Angriffe imitierten lediglich 300 Marken. Am häufigsten wurde Microsoft mit einem Anteil von 16,12 Prozent nachgeahmt, gefolgt von Roblox mit 12,32 Prozent, Google mit 9,94 Prozent und Netflix mit 5,99 Prozent.

Diese Konzentration passt zur zentralen These des Berichts: Angreifer versuchen nicht nur, technische Schwachstellen auszunutzen, sondern setzen gezielt auf Bekanntheit und das damit verbundene Vertrauen der Nutzer.



Gestohlene Daten ermöglichen detailliertere Opferprofile


Eine weitere Entwicklung betrifft die Menge und Art kompromittierter Daten. Innerhalb von 90 Tagen identifizierten die Dark-Web-Monitoring-Werkzeuge von NordVPN nach Unternehmensangaben 8,4 Millionen kompromittierte Konten. Bei mehr als 47 Prozent der gehandelten Daten handelte es sich um physische Adressen und vollständige Namen.

Damit können Angreifer digitale Informationen mit Identifikatoren aus der realen Welt kombinieren. Aus einzelnen Datensätzen lassen sich so umfangreichere Profile potenzieller Opfer zusammensetzen. In Verbindung mit generativer KI können solche Informationen die Grundlage für stärker personalisierte Betrugsversuche bilden.


Ein weiteres Risiko stellen gestohlene Cookies dar. Zwischen Jänner und Mai 2026 wurden laut Bericht insgesamt 94 Milliarden Cookies offengelegt. Davon waren 1,2 Milliarden Session-Cookies. Gelangen solche aktiven Sitzungsinformationen in die Hände von Angreifern, können sie zur Übernahme von Accounts genutzt werden, ohne dass dafür zwingend das Passwort des Opfers erforderlich ist. In bestimmten Fällen lässt sich auf diesem Weg laut NordVPN auch eine Multi-Faktor-Authentifizierung umgehen.

Damit rückt neben dem Schutz von Passwörtern zunehmend die Absicherung bestehender Sessions in den Fokus. MFA bleibt eine wichtige Schutzmaßnahme, stellt aber keinen vollständigen Schutz dar, wenn Angreifer bereits Zugriff auf gültige Sitzungsinformationen erhalten.



Generative KI senkt die Hürden für Betrug


Die technologische Entwicklung verändert laut NordVPN nicht nur einzelne Angriffsmethoden, sondern auch deren Zugänglichkeit. Generative KI kann die Erstellung glaubwürdiger Inhalte erleichtern, während vorgefertigte Betrugs-Baukästen technische Komponenten bereitstellen. Dadurch können auch Akteure mit geringerem technischen Know-how komplexere Betrugskampagnen durchführen.


Marijus Briedis, CTO bei NordVPN
Marijus Briedis, CTO bei NordVPN

„Cyberkriminelle machen sich unseren natürlichen Instinkt zunutze, dem zu vertrauen, was wir sehen und hören“,

sagt Marijus Briedis, CTO bei NordVPN. Für entsprechende Angriffe seien keine Expertenkenntnisse oder umfangreichen Ressourcen mehr erforderlich. Ein menschlicher Fehler könne dadurch weitreichende Folgen haben.


Das zeigt sich auch bei klassischen Betrugsmaschen. 43,2 Prozent der von NordVPN abgefangenen Betrugsfälle entfielen auf .com-Domains. Nach Einschätzung des Unternehmens wird dabei gerade die verbreitete und damit vertraut wirkende Domain-Endung ausgenutzt. Bei betrügerischen Telefonanrufen registrierte NordVPN ebenfalls entsprechende Aktivitäten: Seit Einführung der dafür vorgesehenen Schutzfunktion bis zum 16. Juni 2026 wurden laut Anbieter fast 29.000 Betrugsanrufe blockiert und mehr als 525.000 Nutzer vor entsprechenden Anrufen gewarnt.


Die Ergebnisse des Berichts sprechen damit weniger für eine Ablösung bestehender Cyberbedrohungen als für deren Weiterentwicklung. Malware, Phishing, gestohlene Zugangsdaten und Social Engineering bleiben bekannte Angriffsmuster. Generative KI, leicht verfügbare Angriffswerkzeuge und große Mengen kompromittierter persönlicher Daten können jedoch dazu beitragen, diese Methoden schneller, glaubwürdiger und stärker personalisiert einzusetzen.

Für die Abwehr bedeutet das laut NordVPN, technische Schutzmechanismen mit einem kritischen Umgang mit digitalen Inhalten zu verbinden. Gerade wenn Angriffe auf bekannte Marken, persönliche Informationen und glaubwürdig wirkende Kommunikation setzen, reicht die Unterscheidung zwischen einer technischen und einer menschlichen Sicherheitslücke zunehmend weniger aus.



it&d business Redaktion



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