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Die Herausforderung liegt nicht in den KI-Use-Cases, sondern in ihrer Skalierung

11. Okt.
3 Min. Lesezeit

Nadine Graß-Weinberger, Project Manager, und Michael Kommenda, Senior Solutioning Lead bei Tieto Tech Consulting, analysieren, warum in den heimischen Unternehmen bei der Integration von KI in die Kernprozesse noch sehr viel Potenzial ungenutzt bleibt und wo es anzusetzen gilt, damit sich das ändert.



Michael Kommenda, Senior Solutioning Lead, und Nadine Graß-Weinberger, Project Manager bei Tieto Tech Consulting Foto: Thomas Unterberger
Michael Kommenda, Senior Solutioning Lead, und Nadine Graß-Weinberger, Project Manager bei Tieto Tech Consulting Foto: Thomas Unterberger

Im Frühjahr brachte eine KI-Studie, die von TQS Research & Consulting im Auftrag des Technologie- und Lösungsintegrators Tieto Tech Consulting durchgeführt wurde, ein eher ernüchterndes Ergebnis. Demnach steckt zwar eine klare Mehrheit der befragten heimischen Unternehmen aktuell in einer Pilotphase, aber erst vier Prozent haben KI bereits umfassend in ihre Kernprozesse integriert. Ein Grund dafür ist, dass ihr volles Potenzial vielerorts noch nicht erkannt wird. Nadine Graß-Weinberger, Project Manager, und Michael Kommenda, Senior Solutioning Lead bei Tieto Tech Consulting, zeigen noch weitere Bremsfaktoren auf, denen sie in der Praxis begegnen – und Strategien und notwendige Schritte, um diese zu meistern.


Viele Unternehmen tun sich aktuell schwer, KI-Projekte vom Proof of Concept in den produktiven Betrieb zu überführen. Wie ist der Status quo bei der Einführung von KI in Kernprozesse?


Nadine Graß-Weinberger:  Ein erfolgreicher Proof of Concept ist ein wichtiger Meilenstein – aus meiner Sicht aber erst der Anfang. Der eigentliche Erfolg zeigt sich erst, wenn eine KI-Lösung produktiv betrieben und nachhaltig in bestehende Prozesse integriert wird. Unsere KI-Studie unter 100 KI-Verantwortlichen in Österreich unterstreicht dieses Bild: 36 Prozent der Unternehmen befinden sich noch in der Experimentier- oder Pilotphase, während erst 4 Prozent KI vollständig in ihre Kernprozesse integriert haben. Die größte Herausforderung liegt deshalb nicht in einzelnen Anwendungsfällen, sondern darin, diese erfolgreich zu skalieren und dauerhaft im operativen Betrieb zu verankern.

 

Wie lässt sich diese Skalierung von KI-Projekten meistern?

Michael Kommenda: Aus meiner Erfahrung ist die Technologie bei der Einführung von KI in Unternehmensprozesse nicht der limitierende Faktor.

Überzeugende Prototypen entstehen oft in wenigen Tagen oder Stunden. Die eigentliche Herausforderung beginnt, wenn diese in den produktiven Betrieb überführt werden sollen. Dort treffen KI-Lösungen auf gewachsene Prozesse, verteilte Daten, komplexe Berechtigungen, definierte Betriebsverantwortung und Nachweispflichten.

Genau an dieser Integrationskomplexität scheitert häufig der Schritt vom vielversprechenden Pilotprojekt zur produktiven Nutzung. Dem wird entgegengesteuert, indem der gesamte Prozess betrachtet wird und das Zielbild für den Produktivbetrieb von Beginn an festgelegt wird. In der Praxis bewähren sich Plattformen mit wiederverwendbaren Bausteinen für Integration, Monitoring, Authentifizierung sowie Zugriffs- und Kostenkontrolle. So reduziert sich die Komplexität und es wird eine Grundlage für die Skalierung geschaffen.

 

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist dabei auch die KI-Governance. Wie kann sie als Enabler statt als Bremse wirken?

Nadine Graß-Weinberger: Viele Unternehmen konzentrieren sich bei der Einführung von KI zunächst auf die Technologie. Aus meiner Projekterfahrung zeigt sich jedoch immer wieder, dass der Erfolg häufig von organisatorischen Faktoren abhängt. Unklare Verantwortlichkeiten, fehlende Entscheidungsstrukturen oder eine erst spät etablierte Governance bremsen die Umsetzung oft stärker als technische Herausforderungen. Das bestätigt auch unsere aktuelle KI-Umfrage: Rund 50 Prozent der Unternehmen nennen rechtliche Anforderungen und Datensicherheit als größte Herausforderungen bei der KI-Einführung.

Deshalb ist Governance kein Selbstzweck und keine Innovationsbremse – sie schafft die Voraussetzungen, KI effizient, sicher und im Sinne einer Responsible AI verantwortungsvoll einzusetzen.

Michael Kommenda: Governance wird häufig als Verzögerung und zusätzliches Hindernis wahrgenommen. Tatsächlich aber reduziert sie genau jene Komplexität, welche die Skalierung von KI erschwert. Wenn früh geklärt wird, was erlaubt ist, wer entscheidet und Verantwortung trägt, welche technischen Rahmenbedingungen gelten und welche Anforderungen aus EU AI Act und DSGVO zu erfüllen sind, werden aufwendige Einzelfallprüfungen vermieden. In der Praxis werden Mitarbeitende entlastet, da durch zentrale Vorgaben ein strukturierter Rahmen geschaffen wird, in dem KI eingesetzt werden kann.


Bei aller Technologie darf nicht auf die Menschen vergessen werden – was raten Sie beim Umgang mit organisatorischen Veränderungen, Akzeptanz und Change Management?

Michael Kommenda: Die technische Verfügbarkeit allein führt noch nicht zur produktiven Nutzung, sondern ist eine grundlegende Voraussetzung für die Etablierung von KI in Unternehmen. Darauf aufbauend sind gezielte Befähigung und ein strukturierter Veränderungsprozess entscheidend für die Akzeptanz von KI. Dabei werden auch die Grundlagen und die Prozesse der Governance vermittelt. Somit wird Vertrauen geschaffen und KI wird nachhaltig im Arbeitsalltag verankert. Zusätzlich soll der Mehrwert konsequent im Mittelpunkt stehen – nicht die neueste Technologieankündigung. Leuchtturmprojekte, deren Ergebnisse sichtbar und nachvollziehbar sind, machen den Nutzen greifbar. Somit werden Erfolge intern übertragbar und eine natürliche Skalierung geschaffen.

 

In welchen Bereichen sehen Unternehmen hier noch die größten Herausforderungen?


Nadine Graß-Weinberger: Unsere Umfrage zeigt, dass 44 Prozent der Unternehmen mangelndes Vertrauen in KI-generierte Ergebnisse als Herausforderung sehen. Gleichzeitig nennen 22 Prozent fehlendes Change- und Adoption-Management als Hürde. Das bestätigt meine Erfahrung: Vertrauen entsteht nicht allein durch leistungsfähige Modelle, sondern durch Transparenz, Qualifizierung und klare organisatorische Rahmenbedingungen. Aus meiner Sicht entscheidet am Ende nicht allein die Technologie über den Erfolg von KI, sondern vor allem die Akzeptanz der Menschen, die mit ihr arbeiten. Mitarbeitende brauchen Orientierung, klare Leitlinien und geeignete Werkzeuge, um KI sicher im Arbeitsalltag einzusetzen.



it&d business Redaktion


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