Europa holt bei Investitionen in industrielle KI auf
Die Investitionen in industrielle KI-Anwendungen in Europa sind im ersten Halbjahr 2026 auf 6,8 Milliarden Euro gestiegen und erreichen damit 44 Prozent des US-Niveaus. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei europäischen Startups für industriespezifische KI. Eine Studie von McKinsey & Company und Boardwave identifiziert sechs Branchen, auf die sich mehr als 94 Prozent der Investitionen konzentrieren.

Europas Position im internationalen KI-Wettbewerb unterscheidet sich je nach Ebene der Wertschöpfung deutlich. Während der Kontinent der Studie zufolge bei Basismodellen sowie der kapitalintensiven Plattform- und Infrastrukturentwicklung weiterhin deutlich hinter den USA liegt, entwickelt sich das Verhältnis bei industriellen KI-Anwendungen anders. Für KI-Anwendungen, die in der Realwirtschaft eingesetzt werden, flossen im ersten Halbjahr 2026 in Europa rund 6,8 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 waren es 8,1 Milliarden Euro.
Die aktuellen europäischen Investitionen entsprechen 44 Prozent der Investitionen in den USA im selben Zeitraum. 2018 hatte Europa erst 11 Prozent des US-Niveaus erreicht. Damit hat sich der relative Anteil innerhalb dieses Zeitraums vervierfacht. Grundlage der Zahlen ist eine Studie von McKinsey & Company und Boardwave, einer gemeinnützigen Community mit mehr als 2.500 Gründern, CEOs und Investoren aus der europäischen Softwarebranche.
Europäische KI-Startups verringern Abstand
Noch stärker fällt die Entwicklung bei Startups aus, die industriespezifische beziehungsweise vertikale KI-Anwendungen entwickeln. Im ersten Halbjahr 2026 warben diese Unternehmen in Europa im Durchschnitt 68 Millionen Euro ein. Das entspricht 67 Prozent der Mittel, die ihre US-Wettbewerber erhielten. Im Jahr 2018 hatte dieser Anteil erst 9 Prozent betragen.
Bei der durchschnittlichen Höhe der einzelnen Investitionen lagen europäische Startups im ersten Halbjahr 2026 erstmals vor ihren US-Pendants: In Europa erreichten die Investitionen durchschnittlich 68 Millionen Euro, in den USA waren es 60 Millionen Euro.
Die Studienautoren sehen insbesondere auf der Anwendungsebene Chancen für europäische Unternehmen. Dort kommt KI in konkreten Geschäftsprozessen und branchenspezifischen Szenarien zum Einsatz. Als relevante Voraussetzungen nennt die Untersuchung tiefes Branchenwissen, den Zugang zu komplexen Abläufen und Daten sowie Erfahrung mit stark regulierten und fragmentierten Märkten.

„Bei künstlicher Intelligenz liegt Europas größte Chance in ihrem Einsatz in industriellen Umgebungen. Hier haben die europäischen Unternehmen ihre größten Stärken: tiefes Branchenwissen, Agieren in anspruchsvollen Märkten und exzellente Forschung. Die Investitionsdaten zeigen, dass der Markt diese Chance zunehmend erkennt“,
sagt Martin Wrulich, Contributor zur Studie und Managing Partner bei McKinsey & Company in Wien.
Sechs Branchen erhalten mehr als 94 Prozent der Mittel
Die Investitionen in industriespezifische KI verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig über die Wirtschaft. Mehr als 94 Prozent der europäischen Mittel konzentrieren sich laut Studie auf sechs Bereiche.
Dazu zählen erstens klassische Industrie, Energie und Klima sowie zweitens Verteidigung und Sicherheit. Weitere Schwerpunkte bilden Transport, Mobilität und Logistik sowie Recht und Compliance. Hinzu kommen Gesundheit und Life Sciences sowie Finanzdienstleistungen und Versicherungen.
Als Beispiele für bereits etablierte Unternehmen nennt die Studie Helsing im Verteidigungsbereich, Wayve im Mobilitätssektor und Legora im Rechtsbereich. Alle drei zählen demnach – im Durchschnitt nur vier Jahre nach ihrer Gründung – zu den 100 wertvollsten Technologieunternehmen Europas.
Anwendungsebene gewinnt für Europa an Bedeutung
Die Analyse ordnet die Entwicklung auch vor dem Hintergrund früherer Technologiezyklen ein. Bei großen KI-Basismodellen sowie auf der Plattform- und Infrastrukturebene sieht sie Europa weiterhin deutlich hinter den USA. Auf der Anwendungsebene würden europäische Unternehmen dagegen zunehmend auf Augenhöhe Kapital einwerben.
Als möglichen Anhaltspunkt für die weitere Wertentwicklung zieht die Studie frühere technologische Entwicklungen heran. Im Internet- und Cloud-Ökosystem entfielen demnach am Ende rund 70 Prozent des Werts auf Anwendungen. Im Mobilfunk waren es 85 Prozent.
Die aktuellen Investitionszahlen deuten damit auf eine zunehmende Konzentration europäischen Kapitals auf den praktischen und branchenspezifischen Einsatz von KI hin. Vor allem die sechs identifizierten Branchen stehen dabei im Mittelpunkt: Sie vereinen derzeit mehr als 94 Prozent der europäischen Investitionen in industriespezifische KI auf sich.
it&d business Redaktion





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