Von Excel zu KI: Wie Neuroth seine HR-Prozesse digitalisiert und neu denkt
- vor 7 Tagen
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Der Hörakustik-Spezialist Neuroth hat seine HR-Prozesse grundlegend transformiert. Gemeinsam mit Lösungspartner Workday führte der Weg über Daten, Standardisierung – und einen klaren kulturellen Wandel. Ziel war nicht Effizienz um jeden Preis, sondern mehr Zeit für das Wesentliche: den Menschen.

Neuroth ist in Österreich ein etablierter Name – und gleichzeitig ein Beispiel für die Herausforderungen klassischer Mittelstands- und Familienunternehmen in der digitalen Transformation. Mit über 115 Jahren Unternehmensgeschichte, rund 1.350 Mitarbeitenden, 280 Standorten und Aktivitäten in acht Ländern steht das Unternehmen für Kontinuität und Kundennähe .
Doch genau diese gewachsene Struktur bringt auch Komplexität mit sich. Unterschiedliche Märkte, regulatorische Anforderungen und kulturelle Eigenheiten erschweren standardisierte Prozesse. Gleichzeitig verändert sich das Kerngeschäft selbst: Hörgeräte sind längst keine isolierten medizinischen Produkte mehr, sondern zunehmend digitale, vernetzte Geräte, die in ein umfassendes Ökosystem eingebettet sind.
„Das Hörgerät ist heute ein digitales Kommunikationstool – und damit Teil eines größeren Systems“,
beschreibt Barbara Tscheliessnigg, COO von Neuroth, diese Entwicklung .
Für Neuroth war klar: Diese Veränderung nach außen muss sich auch intern widerspiegeln.
Fragmentierte Systeme und fehlende Datenbasis als Ausgangslage
Vor der Transformation zeigte sich ein Bild, das viele Unternehmen kennen: historisch gewachsene Strukturen, geprägt von Excel-Listen, papierbasierten Abläufen und unterschiedlichen Systemen in den einzelnen Ländern.
Diese Fragmentierung hatte konkrete Auswirkungen. Prozesse waren langsam, wenig transparent und kaum skalierbar. Besonders kritisch war jedoch der Mangel an konsistenten Daten.
„Wir haben nicht systematisch gewusst, welche Kompetenzen unsere Mitarbeiter im Unternehmen haben“, so Tscheliessnigg. Damit fehlte eine zentrale Grundlage für strategische Entscheidungen – etwa in der Personalplanung, beim Kompetenzaufbau oder bei der internationalen Expansion. Gerade in einem wissensgetriebenen Unternehmen stellt das ein erhebliches Risiko dar.
HR als strategischer Hebel der Transformation
Die Antwort auf diese Herausforderungen war eine konsequente Neuausrichtung der HR-Funktion. Statt einer rein administrativen Rolle sollte HR zum strategischen Partner im Unternehmen werden – eng verzahnt mit IT, Prozessen und Geschäftsstrategie.
Ein entscheidender Faktor dabei war die organisatorische Verankerung: HR und IT wurden bewusst gemeinsam gedacht und gesteuert. Tscheliessnigg selbst verantwortet beide Bereiche – ein Modell, das die Integration von Technologie und Organisation beschleunigt.
„Digitalisierung scheitert, wenn man sie nur technologisch oder nur organisatorisch denkt“,
bringt die Neuroth-COO die zentrale Erkenntnis auf den Punkt .
Damit wurde auch klar: Die Transformation ist kein isoliertes Projekt, sondern ein umfassender Kulturwandel.

Umsetzung in Rekordzeit – und mit klarer Strategie
Gemeinsam mit Lösungspartner Workday wurde eine neue HR-Plattform innerhalb von sieben Monaten in acht Ländern ausgerollt – ein sehr ambitionierter Zeitplan, der nur durch klare Governance und konsequente Entscheidungen möglich war.
Parallel dazu wurde auch die Payroll-Landschaft neu aufgesetzt. Diese parallele Umsetzung erhöhte die Komplexität zusätzlich, machte aber gleichzeitig deutlich, dass Neuroth die Transformation ganzheitlich dachte.
Ein zentraler Erfolgsfaktor war die frühzeitige Einbindung aller Länderorganisationen. Vertreter aus den einzelnen Märkten wurden aktiv in das Projekt integriert, erhielten Entscheidungskompetenzen und konnten ihre Perspektiven einbringen.
Das Ergebnis: hohe Akzeptanz, schnelle Umsetzung und ein gemeinsames Verständnis der Zielsetzung.
„Fit to Standard“ als kultureller Wendepunkt
Besonders prägend war die bewusste Entscheidung für eine „Fit-to-Standard“-Strategie. Anstatt Systeme individuell anzupassen, wurden die internen Prozesse an die Best Practices der Software angeglichen.
Das bedeutete einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Denn viele gewohnte Abläufe mussten hinterfragt und teilweise aufgegeben werden.
„Sich einzugestehen, dass ein HR-Prozess nicht einzigartig ist, sondern vergleichbar mit anderen Unternehmen, ist der eigentliche Change“,
reflektiert Barbara Tscheliessnigg diesen Schritt .
Diese Entscheidung schuf jedoch die Basis für Skalierbarkeit, Effizienz und kontinuierliche Weiterentwicklung.
Daten als Grundlage für strategische Entscheidungen
Mit der Einführung von Workday entstand erstmals ein konsistentes, integriertes Datenfundament. HR-Prozesse laufen heute End-to-End digital – vom Recruiting über das Talentmanagement bis hin zu Payroll und Reisekosten.
Das ermöglicht nicht nur Effizienzgewinne, sondern vor allem bessere Entscheidungen. Führungskräfte und Mitarbeitende greifen auf dieselben Daten zu, Self-Service-Funktionen erhöhen Transparenz und Eigenverantwortung.
Damit wird HR tatsächlich zum strategischen Steuerungsinstrument.
Der nächste Schritt: KI sinnvoll nutzen
Erst auf dieser Grundlage wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz sinnvoll möglich. Neuroth verfolgt dabei einen klar strukturierten Ansatz: Zuerst die Basis schaffen, dann auf dieser Basis Innovation aufbauen.
„KI kann nur so gut sein wie die Daten, auf denen sie basiert“,
betont Tscheliessnigg. Ziel ist es, KI nicht als Selbstzweck einzusetzen, sondern gezielt zur Verbesserung von Entscheidungsqualität, Personalisierung und Skalierung zu nutzen.
Mensch im Mittelpunkt trotz Technologie
Trotz aller Digitalisierung bleibt der Mensch zentraler Bezugspunkt der Transformation. Neuroth setzt bewusst auf das Prinzip „Human in the Loop“ – also die aktive Einbindung von Menschen in Entscheidungsprozesse.
Gerade im Kerngeschäft des Unternehmens, das stark auf individuelle Beratung setzt, ist das entscheidend.
Technologie soll unterstützen, nicht ersetzen. Sie schafft Freiräume – etwa durch Automatisierung administrativer Aufgaben – und ermöglicht es Mitarbeitenden, sich stärker auf wertschöpfende Tätigkeiten zu konzentrieren.
Drei zentrale Learnings aus der Transformation
Die Erfahrungen von Neuroth lassen sich in drei wesentliche Erkenntnisse verdichten:
Erstens: Digitalisierung ist eine strategische Unternehmensentscheidung, kein IT-Projekt.Zweitens: Erfolgreiche Transformation basiert auf Partnerschaften und Co-Creation.Drittens: Ohne solides Fundament – insbesondere in Daten und Prozessen – bleibt KI wirkungslos.
Oder, wie Barbara Tscheliessnigg es formuliert: „Zuerst die Hausaufgaben machen – dann kommt die Exzellenz.“
it&d business Redaktion





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