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Volkswagen-Innovationschef beschreibt die KI-Revolution in der Automobilbranche

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Beim Deutsch-Österreichischen Technologieforum der Deutschen Handelskammer in Wien zeichnete Nikolai Ardey, Executive Director Group Innovation bei Volkswagen, das Bild einer Industrie vor dem radikalsten Umbruch ihrer Geschichte. Seine Botschaft: Künstliche Intelligenz wird nicht nur Fahrzeuge verändern, sondern sämtliche Prozesse eines Industriekonzerns neu definieren – von Entwicklung über Produktion bis Vertrieb. Der Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie Volkswagen KI als neues Betriebssystem der Automobilwelt versteht – und warum Europa nun um technologische Souveränität kämpft.



Foto: DHK_Marko Kovic
Foto: DHK_Marko Kovic

Der Executive Director Group Innovation bei Volkswagen zeichnete das Bild einer Branche, die sich mitten in einer fundamentalen Transformation befindet – getrieben von künstlicher Intelligenz, neuen Softwarearchitekturen und einer völlig veränderten Wertschöpfungslogik.


Ardey spricht dabei nicht wie ein klassischer Automobilmanager. Seine Perspektive ist die eines Technologen, der weniger in Modellzyklen denkt als in Plattformen, Datenräumen und KI-Systemen. Schon früh macht er deutlich, wie weitreichend der Wandel aus seiner Sicht ist:

„Die zweite Disruption ist die, die tatsächlich alles verändert, außer der Physik.“

Damit beschreibt er die zentrale These seines Vortrags: KI wird sämtliche industriellen Prozesse neu definieren – lediglich die physische Realität bleibt unverändert.



KI ist für Volkswagen kein Trend mehr, sondern Infrastruktur

Ardey ordnet die aktuelle KI-Welle historisch ein. Machine Learning und neuronale Netze seien in der Automobilindustrie keineswegs neu. Bereits Ende der 1990er Jahre habe es erste KI-Anwendungen in Motorsteuergeräten gegeben. Der eigentliche Durchbruch sei jedoch erst mit den Transformer-Architekturen ab 2017 erfolgt – jener technologischen Grundlage, auf der heutige generative KI-Systeme basieren.


Besonders intensiv beschäftigt sich Volkswagen aktuell mit KI-Agenten. Ardey beschreibt Systeme, die Aufgaben nicht mehr bloß statistisch beantworten, sondern eigenständig interpretieren, reflektieren und iterativ lösen.

„Das sind Systeme, die tatsächlich fast schon menschenähnlich arbeiten.“

Bemerkenswert ist dabei seine Beobachtung, dass KI-Systeme inzwischen sogar beginnen, eigenständig Geschäftsprozesse zu organisieren. Ardey verweist auf Experimente, bei denen KI-Agentensysteme komplette Geschäftsmodelle steuern und Menschen lediglich noch für physische Tätigkeiten einsetzen.


Die Dynamik dieser Entwicklung sei enorm. Während das klassische Moore’s Law von einer Verdoppelung der Rechenleistung etwa alle zwei Jahre ausgehe, sieht Ardey in der KI-Welt derzeit eine Beschleunigung „um einen Faktor 20“.

Für Unternehmen bedeutet das aus seiner Sicht vor allem eines: KI wird kein isoliertes IT-Thema bleiben, sondern zum strategischen Fundament industrieller Wettbewerbsfähigkeit.



Warum autonomes Fahren neu gedacht werden muss

 Besonders tief geht Ardey auf die Entwicklung autonomer Fahrplattformen ein. Dabei formuliert er eine bemerkenswert offene Analyse darüber, warum viele Erwartungen der vergangenen Jahre bislang nicht erfüllt wurden.


Der Grund liege in der bisherigen Architektur autonomer Systeme: Sensorik und Bilderkennung seien zwar bereits KI-basiert, die eigentliche Entscheidungslogik beruhe jedoch nach wie vor auf regelbasierten Systemen.

„Für jede nur erdenkliche Besonderheit wurde eine Regel programmiert.“

Dieses Prinzip stoße jedoch zwangsläufig an Grenzen. Die Zahl möglicher Verkehrssituationen sei schlicht unendlich. Baustellen, Polizisten, Hindernisse oder unvorhersehbare Situationen könnten niemals vollständig regelbasiert abgebildet werden.


Volkswagen setzt daher zunehmend auf sogenannte Vision-Language-Action-Modelle und End-to-End-KI-Systeme. Diese Systeme interpretieren Situationen kontextbasiert – ähnlich wie Menschen.


Ardey illustriert dies anhand eines einfachen Beispiels: Ein geparktes Lieferfahrzeug wird von klassischen Systemen oft als Hindernis interpretiert. Ein KI-basiertes System hingegen erkenne den Kontext und entscheide selbstständig, dass ein Vorbeifahren problemlos möglich sei.


Besonders eindrucksvoll beschreibt er dabei ein Beispiel mit Rindern auf einer Straße:

„Die KI findet hier auch heraus: Die Rinder werden nicht immer bleiben, sondern die Straße in absehbarer Zeit verlassen.“

Genau dieses Kontextverständnis markiert für ihn den eigentlichen Paradigmenwechsel der Branche.



„Die Rechenleistung wird die neuen PS“

Mit der zunehmenden KI-Integration verändert sich laut Ardey auch die technische Architektur des Fahrzeugs grundlegend. Künftig werde nicht mehr die klassische Hardwaredominanz im Mittelpunkt stehen, sondern die verfügbare Rechenleistung.

„Was heute die PS sind, das wird in Zukunft die Rechenleistung sein.“

Die entscheidende Kennzahl seien künftig sogenannte TOPS – „Tera Operations per Second“. Während heutige Fahrzeuge im Human-Machine-Interface-Bereich rund 200 TOPS leisten, rechnet Ardey künftig mit 1.000 bis 2.000 TOPS pro Fahrzeug.

Damit werde das Auto zur integrierten KI-Plattform. Autonomes Fahren sei dabei nur ein Teilbereich. Auch Fahrwerk, Innenraum, Interaktion mit dem Fahrer oder Gesundheitsfunktionen sollen künftig über gemeinsame KI-Modelle orchestriert werden.


Volkswagen spricht in diesem Zusammenhang von „Platform Fusion“. Sämtliche Rechnerarchitekturen sollen dabei auf einer zentralen Plattform zusammengeführt werden.


Die Vision dahinter erinnert bewusst an frühere automobile Leitbilder emotionaler Kundenbindung. Ardey verweist sogar auf „Herbie“, den legendären VW-Käfer aus Disney-Filmen:

„Das Fahrzeug kann ein echter Begleiter sein.“

Das Auto der Zukunft erkenne Stimmung, Gewohnheiten und möglicherweise sogar gesundheitliche Zustände seiner Nutzer.


KI verändert nicht nur Produkte, sondern ganze Unternehmen


Mindestens ebenso tiefgreifend wie die Veränderung des Fahrzeugs selbst beschreibt Ardey den Wandel innerhalb des Unternehmens. Besonders im Engineering sieht Volkswagen enorme Potenziale.


Der Innovationschef verweist auf hunderte bereits laufende KI-Anwendungen entlang des gesamten Entwicklungsprozesses. Dazu gehören:

  • Simulationen,

  • Ticket-Management,

  • Softwaretests,

  • Aerodynamik,

  • CAD-Modellierung,

  • Produktionssteuerung.


Vor allem beim sogenannten „Problem Management“ sieht Ardey enorme Hebel. In Fahrzeugprojekten entstehen zehntausende Tickets und Fehlermeldungen. KI-Systeme könnten ähnliche Problemstellungen automatisch erkennen, zuständige Teams identifizieren und sogar Lösungsvorschläge generieren.


Auch das Testing moderner Fahrzeugsoftware werde massiv automatisiert. Software-Releases, die bisher tage- und personalintensive Testzyklen erforderten, könnten inzwischen KI-gestützt automatisiert geprüft werden.

„Da gibt es überhaupt keinen Stress mehr mit diesen Tests.“

Selbst klassische Designprozesse verändern sich laut Ardey fundamental. Designer arbeiten bereits mit KI-generierten Entwürfen, Simulationen und Virtual-Reality-Umgebungen in Echtzeit.


Die früher üblichen langwierigen Prozesse mit physischen Clay-Modellen beschreibt er praktisch als Auslaufmodell.



Europas Kampf um technologische Souveränität


Trotz aller technologischen Euphorie bleibt ein strategischer Unterton im Vortrag unüberhörbar: Europa droht bei KI-Plattformen ins Hintertreffen zu geraten.


Ardey plädiert deshalb klar für europäische Automotive-Foundation-Modelle auf Basis offener europäischer KI-Systeme wie Mistral. Ziel sei eine gemeinsame industrielle Datenbasis über OEMs und Lieferketten hinweg.


Denn eines macht er deutlich: Die eigentliche Wertschöpfung der Industrie liege längst nicht mehr nur beim Hersteller selbst.

„70 Prozent unserer Wertschöpfung ist eigentlich in der Lieferkette.“

Die Zukunft sieht Ardey daher in groß angelegten europäischen Datenräumen und offenen KI-Infrastrukturen für die Industrie.


Trotz aller Geschwindigkeit mahnt er jedoch auch zur Realitätsnähe. Technologie allein werde den Wandel nicht bewältigen können.

„Die Menschen dürfen wir nicht vergessen.“

Gerade Qualifikation, Veränderungsbereitschaft und neue Arbeitsmodelle würden entscheidend dafür sein, ob europäische Industrieunternehmen den KI-Umbruch erfolgreich gestalten können.


Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck: Volkswagen betrachtet künstliche Intelligenz längst nicht mehr als digitales Zusatzfeature. KI wird zum industriellen Betriebssystem der Zukunft – im Fahrzeug ebenso wie im Unternehmen selbst.

 


it&d business Redaktion




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