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Open Source wird Europas Schlüsseltechnologie

  • 2. Juli
  • 11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Juli

Dinko Eror, VP Red Hat EMEA Central, North and Eastern Europe, erläutert im Exklusivinterview mit it&d business, warum KI, Hybrid Cloud und digitale Souveränität untrennbar zusammengehören. Er spricht über die strategische Bedeutung von Open Source, Europas Weg zu mehr technologischer Unabhängigkeit, den Wandel von KI-Experimenten hin zum produktiven Einsatz Und er zeigt auf, weshalb Vertrauen, Transparenz und Sicherheit künftig zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren der IT gehören.




Foto: Red Hat
Foto: Red Hat

Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt Red Hat die Entwicklung von Open Source im Unternehmensumfeld. Heute sieht das Unternehmen seine Rolle längst nicht mehr nur als Anbieter einer Linux-Plattform oder moderner Hybrid-Cloud-Technologien. Vielmehr versteht sich Red Hat als Wegbereiter einer offenen IT-Landschaft, in der Innovation, Zusammenarbeit und Transparenz die Grundlage für den erfolgreichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz bilden. Im Gespräch mit it&d business erklärt Dinko Eror, VP Red Hat EMEA Central, North and Eastern Europe, warum Europa gerade jetzt auf offene Technologien setzen sollte, welche Lehren er vom Red Hat Summit in Atlanta mitgenommen hat und weshalb Infrastruktur im Zeitalter der KI wichtiger ist denn je.


Herr Eror, Red Hat wird häufig mit Linux oder Open Source verbunden. Welche Grundidee steckt heute hinter dem Unternehmen?


Unsere DNA ist seit jeher Open Source. Dahinter steckt viel mehr als nur frei verfügbarer Quellcode. Open Source bedeutet Kollaboration, Transparenz, Inklusivität und letztlich eine offene Unternehmenskultur. Diese Werte prägen die Art und Weise, wie wir mit Kunden, Partnern und der Community zusammenarbeiten.

Ich habe erst kürzlich bei einem Kundentreffen wieder gemerkt, wie besonders diese Kultur ist. Nach kurzer Zeit hatte ich gar nicht mehr das Gefühl, mit Kunden zu sprechen, sondern mit langjährigen Partnern oder Freunden. Das kommt nicht von ungefähr. Seit über 30 Jahren verfolgen wir den Anspruch, ehrlich zu kommunizieren, nichts zu versprechen, was wir nicht halten können, und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Diese Kultur endet aber nicht bei unseren Kunden. Wir sehen uns auch in der Verantwortung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und gleichzeitig in ihre Zukunft zu investieren.


Was bedeutet diese gesellschaftliche Verantwortung konkret?


Ein sehr gutes Beispiel ist die Red Hat Academy. Dabei handelt es sich um ein umfassendes Ausbildungsprogramm für Hochschulen. Wir stellen Professorinnen und Professoren sowie Studierenden komplette Lehrmaterialien, Videos und Schulungsunterlagen kostenlos zur Verfügung. Zunächst werden die Lehrenden geschult, anschließend begleiten wir gemeinsam mit ihnen die Studierenden durch das gesamte Programm.

Alle Inhalte stehen rund um die Uhr in der Cloud bereit. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmer eine Bestätigung und werden Teil eines internationalen Netzwerks. Gleichzeitig können sie in eine Datenbank aufgenommen werden, die Unternehmen bei der Suche nach Nachwuchskräften unterstützt.

Mir ist wichtig zu betonen, dass dieses Engagement keinerlei Verkaufsabsichten verfolgt. Wir gehen nicht an Universitäten, um Produkte zu verkaufen. Uns geht es ausschließlich darum, Kompetenzen aufzubauen und den IT-Nachwuchs zu fördern. Ich begleite unser Team dabei selbst regelmäßig und freue mich immer wieder zu sehen, wie positiv dieses Angebot aufgenommen wird.


Sie kommen gerade vom Red Hat Summit in Atlanta zurück. Welche zentrale Erkenntnis haben Sie mitgenommen?


Dass wir derzeit einen echten Paradigmenwechsel erleben. In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Fokus sehr stark auf Künstliche Intelligenz verlagert. Gleichzeitig bestand aber die Gefahr, dass wir den Blick auf das große Ganze verlieren.

Viele sind über Anwendungen wie ChatGPT in das Thema KI eingestiegen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Infrastruktur darunter benötigt wird oder wie sich diese Technologien sinnvoll in bestehende Geschäftsprozesse integrieren lassen.

Für uns ist deshalb klar geworden, dass der gesamte IT-Stack wieder als Einheit betrachtet werden muss. Infrastruktur, Plattformen, Anwendungen und Geschäftsprozesse gehören zusammen. Genau darin sehen wir unsere Aufgabe.

Welche strategischen Schwerpunkte leitet Red Hat daraus ab?


Wir haben drei Themen identifiziert, die künftig untrennbar miteinander verbunden sind.

Erstens Hybrid Cloud. Es wird künftig nicht den einen Server oder die eine Cloud geben, die alle Anforderungen erfüllt. Unternehmen werden unterschiedliche Infrastrukturen kombinieren müssen.

Zweitens digitale Souveränität. Ich gebe offen zu, dass ich die Dynamik dieses Themas vor zwei Jahren selbst unterschätzt habe. Inzwischen sehen wir aber, wie stark sich die Anforderungen verändert haben – sowohl durch geopolitische Entwicklungen als auch durch den Wunsch vieler Unternehmen, mehr Kontrolle über ihre Daten und Systeme zu erhalten.

Und drittens natürlich Künstliche Intelligenz. Entscheidend ist:


Hybrid Cloud, digitale Souveränität und Künstliche Intelligenz gehören untrennbar zusammen. Wer nur auf KI schaut, greift zu kurz.

Hat sich auch die Sichtweise der Unternehmenslenker verändert?


Absolut. Das war für mich eine der größten Überraschungen in Atlanta. Wir hatten einen Executive Exchange mit Vorständen und Geschäftsführern aus vielen Unternehmen. Die Veranstaltung war vollständig ausgebucht.

Dabei wurde deutlich, dass Digitalisierung und KI heute Chefsache sind. Die Entscheider beschäftigen sich nicht mehr nur oberflächlich mit diesen Themen, sondern steigen tief in technologische Fragestellungen ein.

Ich bin überzeugt, dass wir in eine Welt hineinwachsen, in der Mensch und Maschine gemeinsam eine neue Form von Workforce bilden werden. Gleichzeitig beobachten wir, dass Unternehmen die Experimentierphase zunehmend verlassen und produktive KI-Anwendungen aufbauen wollen.


Trotzdem sprechen viele noch immer vor allem über KI-Anwendungen. Sie betonen dagegen immer wieder die Infrastruktur. Warum?


Ich sage gerne:

Infrastruktur ist so lange unwichtig, wie sie funktioniert. Erst wenn sie ausfällt, wird jedem klar, welche Bedeutung sie tatsächlich hat.

Genau deshalb investieren wir so stark in Plattformen. Wir entwickeln selbst keine Large Language Models und bauen auch keine GPUs. Unsere Aufgabe besteht darin, die gesamte Infrastruktur zwischen Hardware und Anwendung bereitzustellen, damit Unternehmen KI effizient, sicher und wirtschaftlich einsetzen können.

Gerade bei den Kosten sehen wir enormes Optimierungspotenzial. Themen wie Inference, Modellverwaltung oder der effiziente Einsatz unterschiedlicher GPUs werden künftig entscheidend dafür sein, ob KI wirtschaftlich betrieben werden kann.

 

Open Source erlebt derzeit eine neue strategische Bedeutung. Welche Rolle spielt dieses Modell aus Ihrer Sicht im Zeitalter von KI und digitaler Souveränität?


Open Source hat heute eine größere Bedeutung denn je. Natürlich aufgrund der technologischen Entwicklung, aber ebenso wegen der geopolitischen Situation. Transparenz wird immer wichtiger. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen möchten verstehen, welche Software sie einsetzen und welche Kontrolle sie darüber haben.

Der vielleicht größte Vorteil von Open Source ist jedoch die Innovationskraft. Proprietäre Unternehmen verfügen über eine begrenzte Zahl an Entwicklern – ganz gleich, ob das einige Hundert oder einige Tausend sind. Im Open-Source-Umfeld arbeiten dagegen Millionen Entwickler weltweit an gemeinsamen Projekten.


Kein Unternehmen der Welt kann mit Millionen Open-Source-Entwicklern konkurrieren.

Dasselbe gilt für das Thema Sicherheit. Tausende Entwickler prüfen permanent den Code. Schwachstellen werden sehr schnell entdeckt und behoben. Genau deshalb bin ich überzeugt, dass Open Source nicht nur innovativer, sondern langfristig auch sicherer ist.

Wir arbeiten eng mit der Community zusammen. Sie ist kein Wettbewerber, sondern ein wesentlicher Bestandteil unseres Ökosystems. Gleichzeitig ergänzen wir diese Innovationskraft um Enterprise-Support, Qualitätssicherung, Dokumentation und langfristige Wartung. Genau diese Kombination macht den Unterschied.


Sie sprechen häufig von den drei Säulen KI, Hybrid Cloud und digitaler Souveränität. Warum gehören diese Themen untrennbar zusammen?


Weil keines dieser Themen isoliert betrachtet werden kann. KI benötigt leistungsfähige Infrastruktur, sie benötigt Daten und sie benötigt Vertrauen. Hybrid Cloud wiederum schafft die Flexibilität, Anwendungen dort zu betreiben, wo es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Und digitale Souveränität sorgt dafür, dass Unternehmen jederzeit die Kontrolle über ihre Daten und Prozesse behalten.

Ich glaube, wir unterschätzen häufig die Komplexität dieser Zusammenhänge. Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit intensiv damit, wie sie ihre Daten schützen und gleichzeitig moderne KI-Anwendungen einsetzen können. Genau an dieser Stelle sehen wir unsere Aufgabe.


Welche Veränderungen beobachten Sie bei Ihren Kunden?


Zwei Themen dominieren derzeit praktisch jedes Gespräch: Künstliche Intelligenz und digitale Souveränität.

Vor allem bei der Souveränität stellen wir fest, dass Unternehmen zunehmend verstehen, wie komplex dieses Thema tatsächlich ist. Viele erkennen, dass Open Source einen entscheidenden Beitrag leisten kann, weil sie dadurch Transparenz und Kontrolle über einen großen Teil ihrer IT-Infrastruktur erhalten.

Natürlich bleibt die Realität komplex. Hardware kommt aus unterschiedlichen Regionen der Welt, ebenso viele Softwarelösungen. Ich halte es deshalb für unrealistisch, dass Europa künftig sämtliche Technologien vollständig selbst entwickelt. Entscheidend ist vielmehr, Transparenz und Kontrolle zu schaffen. Unternehmen müssen wissen, welche Daten wo verarbeitet werden und welchen Einfluss eingesetzte Technologien auf ihre Geschäftsprozesse haben.

Ich finde, dass Europa hier inzwischen wichtige regulatorische Schritte gesetzt hat.

Vor einigen Jahren wurden viele europäische Initiativen kritisch gesehen. Heute erkennen immer mehr Unternehmen, dass klare Regeln und Transparenz wichtige Voraussetzungen für Vertrauen sind.

Red Hat hat zuletzt mehrere Initiativen rund um europäische Souveränität vorgestellt. Welche Bedeutung haben diese Maßnahmen?


Für uns war das ein logischer Schritt. Wir haben einen vollständigen EU Sovereign Support aufgebaut. Das bedeutet, dass europäische Kunden Support ausschließlich innerhalb der Europäischen Union erhalten können. Daten verbleiben in Europa, die entsprechenden Mitarbeiter arbeiten innerhalb definierter europäischer Prozesse.

Falls in Ausnahmefällen Unterstützung aus unseren weltweiten Engineering-Teams erforderlich ist, haben wir einen sogenannten Mirroring-Prozess entwickelt. Dabei werden sämtliche kundenbezogenen Informationen anonymisiert. Unsere Entwickler sehen lediglich die technischen Symptome, aber niemals die Identität oder Daten des Kunden.

Damit möchten wir zeigen, dass internationale Zusammenarbeit und digitale Souveränität kein Widerspruch sein müssen.


Ein weiteres großes Thema war Sicherheit. Welche Priorität hat Security heute bei Red Hat?


Eine extrem hohe. Ehrlich gesagt glaube ich, dass Sicherheit heute wichtiger ist als je zuvor.

Nach dem Summit haben wir gemeinsam mit IBM angekündigt, Milliarden in die Sicherheit des gesamten Open-Source-Ökosystems zu investieren. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Red Hat, sondern um Open Source insgesamt.

Künstliche Intelligenz hilft inzwischen dabei, Schwachstellen deutlich schneller zu erkennen. Gleichzeitig braucht es aber weiterhin erfahrene Entwickler, die diese Schwachstellen analysieren und tatsächlich beheben. Genau hier investieren wir.

Ich habe selbst erst vor Kurzem erlebt, wie professionell Cyberangriffe inzwischen geworden sind. Ich wäre beinahe Opfer eines Betrugsversuchs geworden – obwohl ich seit Jahrzehnten in der IT arbeite. Das zeigt sehr deutlich, wie ernst wir dieses Thema nehmen müssen.


Ein weiterer Begriff, der auf dem Summit gefallen ist, lautet „Customer Zero“. Was steckt dahinter?


Bevor wir unseren Kunden neue Technologien zur Verfügung stellen, müssen wir sie zuerst selbst produktiv einsetzen.

Wir beobachten am Markt häufig, dass neue Funktionen unmittelbar nach ihrer Ankündigung veröffentlicht werden. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir wollen Produkte zunächst intern produktiv nutzen, Erfahrungen sammeln, verbessern und erst dann unseren Kunden zur Verfügung stellen.

Daraus ist auch unser Ansatz „Business as Code“ entstanden. Wir übertragen Prinzipien, die sich in der Softwareentwicklung bewährt haben, konsequent auf unsere eigenen Geschäftsprozesse. Wir wollen dieselben Standards an Qualität, Nachvollziehbarkeit und kontinuierlicher Verbesserung auch im Unternehmen selbst anwenden.


Welche Rolle spielen Partnerschaften in diesem Umfeld?


Eine sehr große. Niemand kann heute allein alle Anforderungen erfüllen. Deshalb arbeiten wir beispielsweise eng mit Nvidia zusammen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, eigene Hardware oder eigene Sprachmodelle zu entwickeln. Wir sorgen vielmehr dafür, dass unterschiedliche Technologien effizient zusammenspielen und Unternehmen diese möglichst einfach nutzen können. Am Ende sollen sich Entwickler auf ihre Anwendungen konzentrieren können – nicht auf die Komplexität der Infrastruktur.


Viele Unternehmen befinden sich noch in der Evaluierungsphase von KI. Hat sich das verändert?


Ja, sehr deutlich. Vor einem Jahr ging es fast ausschließlich um Proof of Concepts und Pilotprojekte. Heute erleben wir, dass Unternehmen konkrete Business Cases umsetzen möchten.


Die Experimentierphase ist vorbei. Unternehmen wollen heute konkrete Business Cases und produktive KI-Anwendungen.

Die eigentliche Experimentierphase wird immer kürzer. Stattdessen fragen Kunden zunehmend: Wie integriere ich KI produktiv in meine Geschäftsprozesse? Genau an diesem Punkt beginnt für uns die eigentliche Arbeit.

Wir sehen besonders interessante Entwicklungen im Gesundheitswesen, im öffentlichen Sektor, in der Telekommunikation sowie im Luftverkehr. Dort entstehen derzeit zahlreiche produktive Anwendungen. In der Industrie und Produktion befindet sich vieles noch im Aufbau, aber auch dort erwarten wir in den kommenden Jahren eine deutliche Dynamik.


Sie haben mehrfach betont, dass Red Hat selbst keine Large Language Models entwickelt. Wo sehen Sie dann den größten Beitrag Ihres Unternehmens im KI-Zeitalter?


Unsere Aufgabe ist es, die Grundlage dafür zu schaffen, dass Unternehmen KI produktiv, sicher und wirtschaftlich einsetzen können. Wir entwickeln weder eigene Sprachmodelle noch Hardware oder GPUs. Unser Fokus liegt auf allem, was dazwischen passiert – also auf der Plattform, der Orchestrierung, der Automatisierung und der Integration.

Gerade dieser Bereich wird häufig unterschätzt. Unternehmen benötigen eine Infrastruktur, mit der unterschiedliche Modelle, unterschiedliche Hardware und unterschiedliche Cloud-Umgebungen effizient zusammenarbeiten können. Genau dort sehen wir unsere Stärke.


Welche Rolle spielen dabei Plattformen wie OpenShift oder Ansible?


Eine zentrale Rolle. OpenShift hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Die Plattform bildet heute das Fundament für moderne Anwendungen – unabhängig davon, ob es sich um klassische Software oder KI-Workloads handelt.

Unser Ziel ist eine einheitliche Plattform, auf der Unternehmen ihre Anwendungen entwickeln, verwalten und automatisieren können. Denn am Ende möchte niemand verschiedene Werkzeuge für klassische IT, Cloud und KI parallel betreiben.

Ähnliches gilt für Ansible. Automatisierung wird angesichts des Fachkräftemangels immer wichtiger. Es gibt schlicht nicht genügend IT-Spezialisten, um alle administrativen Aufgaben manuell zu erledigen. Deshalb integrieren wir KI direkt in unsere Automatisierungslösungen.

Künstliche Intelligenz kann heute wiederkehrende Tätigkeiten erkennen, Vorschläge machen oder ganze Abläufe automatisieren. Gleichzeitig orchestrieren wir komplette KI-Prozesse. Denn Agentic AI wird nur dann erfolgreich sein, wenn diese Agenten auch zuverlässig verwaltet und gesteuert werden.


Wird KI damit künftig selbst zum Administrator?


Nicht vollständig. Aber sie wird Administratoren erheblich unterstützen.

Viele sprechen heute über Agentic AI. Dabei entsteht manchmal der Eindruck, Agenten würden künftig völlig autonom arbeiten. Ich glaube das nicht. Irgendjemand muss diese Systeme steuern, überwachen und koordinieren.

Genau deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit Themen wie Prompt-Management, Governance und Orchestrierung. Wenn KI künftig Teil zentraler Geschäftsprozesse wird, braucht es eine Plattform, die diese Prozesse kontrollierbar macht.


Auch Linux bleibt ein wichtiger Bestandteil Ihres Portfolios. Welche Weiterentwicklungen sehen Sie dort?


Linux bleibt eine tragende Säule unseres Angebots. Deshalb investieren wir kontinuierlich in Stabilität, Sicherheit und langfristige Wartbarkeit. Ein Beispiel ist unser Long-Life-Support. Viele Unternehmen betreiben Systeme, die über viele Jahre unverändert laufen müssen – etwa in der Industrie oder bei kritischen Infrastrukturen. Dafür benötigen sie eine Plattform, die maximale Stabilität bietet.

Gleichzeitig integrieren wir auch KI direkt in Linux. Administratoren können sich künftig beispielsweise bei Problemen unmittelbar vom System unterstützen lassen. Das erleichtert den Betrieb erheblich.


Sie haben erwähnt, dass Unternehmen derzeit den Schritt von der Experimentier- zur Produktionsphase machen. Was bedeutet das konkret?


Vor allem, dass KI zunehmend Teil realer Geschäftsprozesse wird.

Bisher standen häufig einzelne Pilotprojekte oder Proof of Concepts im Vordergrund. Jetzt geht es darum, produktive Anwendungen zu schaffen, die echten Mehrwert liefern.

Damit steigen aber auch die Anforderungen. Themen wie Governance, Sicherheit, Automatisierung und Skalierbarkeit werden plötzlich entscheidend. Genau deshalb sprechen wir so intensiv über Plattformen. Ohne diese Grundlage wird sich KI langfristig nicht erfolgreich betreiben lassen.


Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für den produktiven KI-Einsatz?


Besonders viel Dynamik beobachten wir derzeit im Gesundheitswesen, im öffentlichen Sektor, in der Telekommunikation und im Luftverkehr. Dort entstehen bereits heute konkrete Anwendungen mit echtem Mehrwert.

Im produzierenden Gewerbe sehe ich ebenfalls enormes Potenzial. Dort befinden sich viele Projekte allerdings noch in einer frühen Phase. Ich bin überzeugt, dass wir auch dort in den kommenden Jahren zahlreiche spannende Entwicklungen erleben werden.


Wird KI Ihrer Ansicht nach unsere Arbeitswelt grundlegend verändern?


Davon bin ich überzeugt. Ich glaube, dass wir auf eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine zusteuern. KI wird viele Tätigkeiten unterstützen oder übernehmen. Gleichzeitig entstehen völlig neue Aufgaben.

Deshalb spreche ich gerne von einer neuen Workforce, in der Menschen und intelligente Systeme gemeinsam arbeiten. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch verschwindet. Im Gegenteil: Verantwortung, Kreativität und Entscheidungen bleiben zentrale menschliche Aufgaben.


Neben allen Chancen sprechen Sie auch offen über Risiken. Welche Entwicklungen beobachten Sie besonders aufmerksam?


Da gibt es mehrere Themen. Zum einen beschäftigt mich die Frage, wie sich Künstliche Intelligenz weiterentwickelt. Wann sprechen Agenten mit anderen Agenten? Wann entstehen Systeme, die sich zunehmend selbst organisieren?

Ein weiteres Thema ist Robotik. Das Potenzial ist enorm – etwa in der Pflege, im Gesundheitswesen oder bei alltäglichen Aufgaben. Gleichzeitig wird sich unsere Gesellschaft daran gewöhnen müssen, dass intelligente Maschinen künftig stärker Teil unseres Alltags werden. Wir sollten diese Entwicklungen weder überbewerten noch unterschätzen. Sie eröffnen große Chancen, bringen aber auch neue Fragestellungen mit sich.


Gibt es aus Ihrer Sicht Themen, die in der IT derzeit noch unterschätzt werden?


Eigentlich nicht. Im Gegenteil: Ich habe selten erlebt, dass Politik, Wirtschaft und Technologieunternehmen so intensiv an gemeinsamen Lösungen arbeiten wie heute.

Digitalisierung und KI sind auf höchster politischer Ebene angekommen. Unternehmen kooperieren stärker miteinander. Gleichzeitig sehen wir eine enorme Dynamik innerhalb der Open-Source-Community.

Für mich bleibt allerdings ein Thema entscheidend: Sicherheit. Innovation ist wichtig, aber ohne Security wird sie langfristig keinen Erfolg haben. Deshalb investieren wir so stark in Qualität, Transparenz und die Sicherheit des gesamten Open-Source-Ökosystems.


Abschließend gefragt: Wie blicken Sie persönlich auf die kommenden Jahre?


Ich bin überzeugt, dass wir vor einer der spannendsten technologischen Entwicklungen überhaupt stehen. KI wird unsere Arbeitsweise, unsere Geschäftsprozesse und viele Bereiche unseres täglichen Lebens nachhaltig verändern.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass technischer Fortschritt immer Verantwortung mit sich bringt. Deshalb brauchen wir offene Technologien, Transparenz, Sicherheit und Zusammenarbeit.

Wenn wir diese Balance schaffen, bin ich überzeugt, dass Europa und die gesamte IT-Branche vor einer sehr erfolgreichen Zukunft stehen.




 

it&d business Redaktion


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