„Wir dürfen nicht zum Importweltmeister werden“
Europa hat den Wettlauf um Cloud und AI noch lange nicht verloren, ist Codesphere-Mitgründer und CEO Elias Schneider überzeugt. Im Exklusivinterview mit it&d business spricht er über digitale Souveränität, Europas Abhängigkeit von US-Hyperscalern, die Rolle öffentlicher Beschaffung und die Frage, warum europäische Technologie nicht nur souverän, sondern vor allem wettbewerbsfähig sein muss.

Elias Schneider will bei digitaler Souveränität größer denken. Nicht allein Datenschutz, der Standort von Daten oder die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern seien entscheidend. Europa müsse wieder selbst globale Technologieunternehmen hervorbringen und ihnen auch die Chance geben, im eigenen Markt zu wachsen.
Schneider ist Mitgründer und CEO von Codesphere. Bereits vor dem Abitur studierte er Informatik, anschließend entwickelte er bei Google neue Cloud-Technologien. Heute arbeitet er mit Codesphere an einer europäischen Alternative zu den US-Hyperscalern. Das Ziel: bestehende Infrastruktur in eine moderne Cloud zu verwandeln und Unternehmen, öffentliche Verwaltung und kritische Infrastrukturen unabhängiger von einzelnen Anbietern zu machen. Gemeinsam mit Partnern hat Codesphere deutsche Bundesausschreibungen mit einem Gesamtvolumen von mehreren hundert Millionen Euro gewonnen – auch im Wettbewerb mit etablierten Technologiekonzernen wie Google und IBM.
Für Schneider ist damit ein Moment erreicht, den er lange für möglich hielt:
„Es hat sich noch nie so real angefühlt, aus Europa heraus eine echte Alternative zu den US-Hyperscalern aufzubauen.“
Herr Schneider, digitale Souveränität ist mittlerweile fast zum politischen Schlagwort geworden. Was bedeutet sie für Sie?
Mir wird digitale Souveränität häufig viel zu klein gedacht. Wir reden über GDPR, darüber, wo die Daten liegen, ob sie richtig verschlüsselt sind und ob wir autonom sind – also: Kann man uns abknipsen? Das alles ist wichtig. Genauso sind der Application Layer und die Daten wichtig. Dort liegen riesige Umsätze.
Aber ich glaube, das ist nicht größenwahnsinnig genug gedacht. Wir sollten bei digitaler Souveränität daran denken, dass wir hier in Europa globale Player aufbauen und Lösungen entwickeln, die besser sind. Unsere Gründer sollten bessere AI, bessere Cloud und andere Schlüsseltechnologien bauen wollen.
Dafür müssen wir diese Lösungen aber auch einkaufen. Und genau das haben wir in der Vergangenheit zu wenig gemacht.
In Europa hört man häufig das Argument, der Wettlauf um die großen Cloud- und AI-Plattformen sei ohnehin bereits entschieden.
Das halte ich für falsch. Ich war Anfang des Jahres auf einer Konferenz zur digitalen Souveränität. Dort wurde gesagt, der Zug für AI und Cloud sei in Europa bereits abgefahren und wir sollten uns auf den Application Layer und die Daten konzentrieren.
In einer anderen Diskussion hieß es, wir sollten nicht versuchen, AI selbst zu bauen, sondern „Adoption-Weltmeister“ werden.
Da kam die Frage auf: Wollen wir dann Importweltmeister werden?
Ich finde überhaupt nicht, dass der Zug abgefahren ist. Wir sollten uns das auch nicht einreden lassen. Natürlich müssen wir Anwendungen bauen und AI einsetzen. Aber warum sollten wir nicht gleichzeitig die grundlegenden Technologien selbst entwickeln?
„Ich finde überhaupt nicht, dass der Zug für AI und Cloud in Europa abgefahren ist.“
Was müsste sich dafür konkret ändern?
Für mich hat digitale Souveränität zwei Seiten. Erstens brauchen wir Gründer, Unternehmer und bestehende Unternehmen, die Innovation hervorbringen und bessere, günstigere Lösungen für den Weltmarkt entwickeln.
Zweitens brauchen wir Politik und Wirtschaft, die diese Lösungen auch einkaufen. Digitale Souveränität ist für mich deshalb auch eine Vergabe- und Einkaufsentscheidung.
Es sollte nicht darum gehen, Open Source oder eine schlechtere Anwendung zu verwenden, nur um souverän zu sein.
Das Ziel muss sein, bessere und günstigere Anwendungen aus Europa zu entwickeln – und ihnen dann auch einen Markt zu geben.
Sie sprechen bewusst von besseren Lösungen. Wo können europäische Anbieter gegenüber etablierten Hyperscalern überhaupt einen technologischen Vorteil haben?
Das Spannende ist, dass Unternehmen sehr unterschiedliche Anforderungen haben. Gerade wenn man neu in einen Markt kommt, gibt es deshalb viele Möglichkeiten, für bestimmte Anwendungsfälle etwas besser zu machen als ein großer Anbieter.
Das kann beispielsweise Security sein. Nehmen wir Confidential Computing: Dabei geht es um Technologien, mit denen Daten so geschützt werden können, dass weder der Anwendungshersteller noch der Cloud-Provider oder Mitarbeiter im Rechenzentrum darauf zugreifen können.
Europa entwickelt durchaus solche Technologien. Entscheidend ist aber, dass wir diese Lösungen anschließend auch einsetzen und skalieren.
Codesphere tritt dabei gegen Unternehmen an, die über völlig andere Ressourcen verfügen. Wie wollen Sie mit US-Hyperscalern konkurrieren?
Wir sind ein virtueller Cloud-Provider. Man kann sich das vereinfacht wie einen Hyperscaler vorstellen, den man auf unterschiedlicher Infrastruktur selbst installieren kann.
Wir brauchen im Prinzip nur die vorhandene Hardware. Darauf können wir einen Cloud-Stack bereitstellen. Das ist gerade für Organisationen interessant, die ihre Infrastruktur selbst kontrollieren oder sich nicht von einem einzelnen Cloud-Anbieter abhängig machen wollen.
Die große Herausforderung sind allerdings die Managed Services. Ein US-Hyperscaler bietet davon eine enorme Zahl an. Das kann man ein wenig mit Microsoft 365 vergleichen: Man kauft nicht nur Teams, sondern bekommt ein ganzes Bündel an Anwendungen.
Bei den Hyperscalern reden wir nicht über acht Anwendungen, sondern über Hunderte beziehungsweise Tausende Services. Dieses Bundle anzugreifen ist extrem schwierig.
Mit unseren Partnern planen wir, bis zum nächsten Sommer bei 20 Prozent dieses Angebots zu sein, und damit rund 80 Prozent der Use Cases von Kunden abzudecken. Unsere Kerntechnologie ermöglicht es uns, solche Services vergleichsweise effizient zu entwickeln. Aber aufzuholen ist trotzdem eine enorme Aufgabe.
Eine europäische Alternative kann nicht einfach nur souverän sein. Sie muss technologisch konkurrenzfähig werden.
Codesphere war zuletzt bei großen Ausschreibungen des deutschen Bundes erfolgreich. Welche Bedeutung hat die öffentliche Hand für den Aufbau solcher Alternativen?
Eine sehr große. Wir sehen gerade, dass sich in Deutschland etwas verändert und souveräne Lösungen tatsächlich eingekauft werden.
Genau das brauchen wir. Der Staat kann mit seiner Beschaffung einen Markt schaffen und Unternehmen die Möglichkeit geben, ihre Technologie weiterzuentwickeln und zu skalieren.
Aber wir brauchen das nicht nur in Deutschland. Europa muss enger zusammenarbeiten. In den USA kann ein Unternehmen in einem großen Markt mit weitgehend einheitlichen Rahmenbedingungen skalieren. In Europa haben wir unterschiedliche politische Interessen, unterschiedliche Regulatorik und gerade bei kritischer Infrastruktur sehr nationale Interessen.
Irgendwann reicht es deshalb nicht mehr, nur in einem Land erfolgreich zu sein.
Was wäre die Alternative?
Wir brauchen stärkere Partnerschaften zwischen europäischen Ländern und Unternehmen. Codesphere kann und will beispielsweise nicht den gesamten Technologie-Stack selbst aufbauen.
Wenn wir nach Frankreich gehen, sollten davon französische Unternehmen profitieren. Hier in Österreich sollten österreichische Unternehmen profitieren.
Eine wirkliche Alternative zu den US-Hyperscalern können wir bei Cloud, AI oder anderen Schlüsseltechnologien nur mit starken Partnerschaften aufbauen.
Dafür brauchen wir einen offenen europäischen Markt, in dem Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam skalieren können.
Welche Rolle kann Österreich dabei spielen?
Es gibt bereits interessante Ansätze für eine stärkere grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass solche Märkte bidirektional funktionieren.
Ein österreichischer Anbieter sollte einfacher Zugang zum deutschen regulierten Markt bekommen können – genauso wie deutsche oder französische Unternehmen in Österreich Chancen bekommen sollten.
Gerade für kleinere Anbieter sind die Ausschreibungshürden enorm. Eine gute Technologie allein reicht nicht, wenn ein Unternehmen praktisch keinen Zugang zum Markt bekommt.
Deshalb brauchen wir Plattformen und Beschaffungsmodelle, über die europäische Lösungen einfacher grenzüberschreitend eingesetzt werden können.
Sollten Regierungen dabei heimische Unternehmen bevorzugen?
Gerade bei sehr jungen Technologien halte ich das für sinnvoll. Ein Proof of Concept mit einer Regierung kann für ein kleines Startup die nächste Finanzierung und damit möglicherweise seine Zukunft bedeuten.
Wenn es eine entsprechende Lösung im eigenen Land nicht gibt, sollte man natürlich europäisch zusammenarbeiten. Die Frage muss sein: Wie schaffen wir wirtschaftlichen Erfolg für unsere Unternehmen und gleichzeitig einen größeren Markt?
Es geht nicht darum, sich abzuschotten.
Es geht darum, Unternehmen in einer frühen Phase überhaupt die Chance zu geben, groß zu werden.
Wie groß ist der Handlungsdruck inzwischen in der Wirtschaft?
Wenn ich zunächst nur auf den Cloud-Markt schaue, weil das der Bereich ist, in dem ich mich bewege: Der europäische Cloud-Markt liegt heute bei rund 224 Milliarden und soll in drei Jahren auf 536 Milliarden wachsen. Rund 85 Prozent davon liegen bei US-Hyperscalern.
Noch entscheidender ist für mich, dass ein großer Teil dieses Marktes kritische Infrastruktur betrifft – Finanzwirtschaft, Energie, Gesundheit, Defense, innere Sicherheit und Public Administration.
Genau dort ist der Handlungsdruck besonders groß. Diese Unternehmen und Organisationen beschäftigen sich sehr konkret mit ihrer Abhängigkeit und mit der Frage, wie sie davon wegkommen können.
Beim klassischen Mittelstand ist es schwieriger. Viele europäische Unternehmen sind hochprofitabel und in ihrer Nische Marktführer, wachsen aber kaum noch. Dort müssen Cloud und AI einen klaren wirtschaftlichen Nutzen bringen.
Deshalb reicht es nicht, Infrastruktur oder AI-Modelle anzubieten. Unternehmen kaufen Use Cases.
Wir brauchen einen europäischen Marktplatz für Anwendungen und Use Cases, die diese Unternehmen tatsächlich einsetzen können.
Spüren Sie diese Dringlichkeit auch in Ihren Kundengesprächen?
In der kritischen Infrastruktur auf jeden Fall. Dort gibt es eigentlich niemanden, bei dem das Thema nicht angekommen ist.
Im Public Sector ist es momentan vielleicht am deutlichsten, weil dort zusätzlich ein politisches Mandat vorhanden ist. Aber der Bedarf geht weit darüber hinaus.
Das Problem ist häufig nicht mehr, dass Organisationen keine europäische Alternative wollen. Es muss genügend Vertrauen vorhanden sein, dass sie diese Alternative auch kaufen können.
Eine Bank wird zu Recht nicht sofort auf ein Startup setzen, wenn unklar ist, ob dieses Unternehmen in einigen Monaten noch existiert. Hier kann der Staat helfen, indem er selbst als erster großer Kunde Vertrauen schafft.
Wenn diese Barriere einmal überwunden ist, kann es sehr schnell gehen.
Ist Open Source dabei nicht automatisch der naheliegendste Weg zu mehr technologischer Souveränität?
Open Source spielt eine wichtige Rolle und ist wahrscheinlich eine der besten Möglichkeiten, Autonomie herzustellen. Aber ich glaube, dass wir die Diskussion teilweise zu stark darauf reduzieren.
Wir konzentrieren uns oft darauf, dass Open Source kostenlos ist. Das kann aber auch in die falsche Richtung führen. Wenn eine Open-Source-Lösung wettbewerbsfähig ist, ist es natürlich sinnvoll, sie einzusetzen. Wenn sie nicht wettbewerbsfähig ist, sollte man sie nicht allein deshalb verwenden, weil sie Open Source ist – außer die notwendige Autonomie rechtfertigt genau diese Entscheidung.
Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass auch viele US-Unternehmen Open Source strategisch einsetzen.
Open Source allein baut noch keine europäischen Global Player auf.
Wenn wir technologische Souveränität wollen, müssen wir auch Geschäftsmodelle schaffen, mit denen europäische Unternehmen wachsen und ihre Produkte weiterentwickeln können.
Braucht Europa angesichts der geopolitischen Lage stärker eine Art „Buy European“?
In den USA gibt es ein ganz klares „Buy American“. Das ist gesellschaftlich und politisch stark verankert. Das Gleiche sehen wir in China. Damit müssen wir in Europa in der aktuellen geopolitischen Lage ebenfalls anfangen.
Wir dürfen nicht zum Importweltmeister werden.
Wir haben die Universitäten, wir haben Top-Forscher und wir bauen teilweise Top-Lösungen. Gleichzeitig exportieren wir diese Talente und Technologien häufig noch vor der Skalierung, weil wir hier nicht ausreichend zusammenarbeiten und ihnen keinen genügend großen Markt geben.
Das passiert die ganze Zeit. Und genau das müssen wir ändern.
Sie klingen trotz dieser Kritik sehr optimistisch. Warum?
Weil sich gerade etwas verändert. Wenn wir diesen Weg weitergehen und in Europa mehr Mitstreiter finden, haben wir enormes Potenzial.
Der Cloud-Markt liegt heute bei rund 224 Milliarden, der gesamte IT-Markt bei rund 1,28 Billionen. Da ist ein riesiges Potenzial, wenn wir es schaffen, die bestehenden Barrieren zu überwinden und stärker zusammenzuarbeiten.
Und ich glaube nicht, dass wir dafür unsere europäischen Werte aus dem Fenster werfen müssen.
Wir sollten es durch wirtschaftliches Wachstum und Zusammenarbeit schaffen, dass aus unseren Unternehmen und unserem Mittelstand globale Player werden können.
it&d business Redaktion





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