Wie Bosch KI von der digitalen Welt in die physische Realität überführt
- 11. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Juni
Von der KI zum fühlenden Roboter: Auf der Bosch Connected World (BCW) in Berlin skizzierten Bosch-Chef Stefan Hartung und Digitalvorständin Tanja Rückert ihre Vision einer neuen Ära der Automatisierung: Physical AI. Dabei geht es nicht um humanoide Roboter als Selbstzweck, sondern um intelligente Maschinen, die sehen, fühlen, lernen und mit ihrer Umwelt interagieren können. Bosch positioniert sich dabei als Lieferant der Schlüsseltechnologien – vom Sensor über die Steuerung bis zur KI.

Bosch sieht die Zukunft der künstlichen Intelligenz nicht auf Bildschirmen, sondern in der realen Welt. Fabriken, Fahrzeuge, Logistikzentren und Haushalte sollen künftig von intelligenten Systemen profitieren, die ihre Umgebung verstehen und eigenständig handeln können. Auf der Bosch Connected World in Berlin machten Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, und Tanja Rückert, Chief Digital Officer und Mitglied der Geschäftsführung, deutlich: Die nächste Evolutionsstufe der KI heißt „Physical AI“.
Während generative KI in den vergangenen Jahren vor allem Texte, Bilder und Software erzeugte, richtet sich der Blick nun auf Maschinen, die physisch mit ihrer Umwelt interagieren. Für Bosch eröffnet sich damit ein milliardenschwerer Wachstumsmarkt. Gleichzeitig sieht das Unternehmen darin einen Beitrag zur Bewältigung zentraler Herausforderungen – vom Fachkräftemangel bis zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit Europas.
„Mit dem Aufkommen humanoider Robotik steigt der Bedarf an Komponenten und Lösungen von Bosch“,
betonte Stefan Hartung. Bosch wolle dabei nicht selbst zum Hersteller humanoider Roboter werden, sondern jene Technologien liefern, die moderne Robotik überhaupt erst ermöglichen: Sensorik, Steuerung, Antriebstechnik und künstliche Intelligenz.
Physical AI: Wenn KI die digitale Welt verlässt
Für Hartung markiert die aktuelle Entwicklung einen historischen Wendepunkt. In seiner Keynote ordnete er die KI-Revolution sogar in einen größeren historischen Zusammenhang ein. Nach der Sesshaftwerdung der Menschheit und dem Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters sei künstliche Intelligenz die dritte große Umbruchphase, die das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt grundlegend verändern werde.
Während heutige KI-Systeme vor allem Texte, Bilder und Sprache verarbeiten, beginne nun eine neue Entwicklungsstufe: Maschinen lernen, die physische Welt zu verstehen.
Tanja Rückert brachte diese Entwicklung auf den Punkt:
„KI tritt aus dem digitalen Raum heraus und beginnt, die reale Welt zu verstehen und mit ihr zu interagieren.“
Was bislang überwiegend in digitalen Anwendungen stattfand, erreicht damit die physische Welt. In der Technologiebranche hat sich für diese Entwicklung der Begriff Physical AI etabliert. Gemeint sind KI-Systeme, die nicht mehr nur aus Daten und Texten lernen, sondern ihre Umgebung wahrnehmen, Sinneseindrücke verarbeiten und auf dieser Basis Entscheidungen in der realen Welt treffen.
Genau an dieser Schnittstelle zwischen digitaler Intelligenz und physischer Realität sieht Bosch seine besondere Stärke.
Dabei geht es um weit mehr als klassische Automatisierung. Maschinen sollen künftig ihre Umgebung wahrnehmen, Zusammenhänge verstehen und eigenständig handeln können. Für Stefan Hartung entsteht dadurch eine neue Form maschinellen Lernens, die sich deutlich von bisherigen KI-Modellen unterscheidet.
„In diesem Moment sind nicht mehr die Bibliotheken das Lernumfeld, das Internet, sondern das nennt sich dann die Welt. Wenn die Systeme hier bei uns rumlaufen und mit ihrer Umwelt interagieren, dann lernen die völlig andere Dinge, als wenn sie das gelesen haben.“

Damit beschreibt Hartung einen fundamentalen Wandel. Während heutige KI-Modelle vor allem aus Datenbeständen, Dokumenten und Internetinhalten lernen, sammeln künftige Systeme eigene Erfahrungen in der realen Welt – ähnlich wie Menschen. Gleichzeitig könnten sie Erfahrungen machen, die dem Menschen verwehrt bleiben. Ob in der Tiefsee, im Weltall oder in anderen lebensfeindlichen Umgebungen: Roboter können dort lernen, beobachten und handeln, wo Menschen gar nicht oder nur unter extremen Bedingungen agieren können. Für Hartung eröffnet Physical AI damit nicht nur neue Möglichkeiten der Automatisierung, sondern auch völlig neue Formen des Lernens und der Erkenntnisgewinnung.
Von autonomen Fahrzeugen zu humanoiden Robotern
Dass Bosch bei Physical AI eine wichtige Rolle spielen will, ist kein Zufall. Das Unternehmen bringt jahrzehntelange Erfahrung aus der Automobilindustrie und der Fabrikautomation mit.
Stefan Hartung sieht dabei deutliche Parallelen zwischen autonomem Fahren und moderner Robotik. Beide Welten basieren auf Sensorik, Echtzeitdaten, KI-Modellen und der Fähigkeit, komplexe Situationen zu interpretieren.
„Der Roboter ist da das Gerät mit den vier Rädern, das fährt“, sagte Hartung mit Blick auf die Gemeinsamkeiten. Wie beim automatisierten Fahren gehe es nicht mehr um starre Programmierung einzelner Bewegungen, sondern um das Verstehen einer Situation.
KI analysiert dabei die Umgebung, erkennt Objekte, bewertet Risiken und leitet daraus Handlungen ab. Genau dieselben Prinzipien werden künftig auch humanoide Roboter nutzen.
Die neuen Systeme unterscheiden sich damit grundlegend von klassischen Industrierobotern, zeigte Stefan Hartung auf:
„Die Roboter werden nicht mehr gesteuert und programmiert, sondern die können das dann als Fähigkeit.“
Genau darin sieht er den entscheidenden Unterschied zur bisherigen Automatisierung. Als Beispiel nennt er das Greifen einer Wasserflasche oder eines Glases. Für Menschen eine alltägliche Handlung. Für einen Roboter handelt es sich um einen hochkomplexen Vorgang.
„Es gibt nicht die eine richtige Lösung“, erläuterte der Bosch-CEO. Menschen nutzen unbewusst Tausende Sinneseindrücke und Bewegungsmuster. Sie wissen intuitiv, wie fest sie zugreifen müssen oder wie sich ein Gegenstand bewegt.
Humanoide Roboter sollen genau diese Fähigkeit schrittweise erlernen. Kameras erfassen die Umgebung, Sensoren liefern Rückmeldungen über Berührung, Druck und Bewegung, während KI-Modelle daraus Handlungen ableiten.
Robotik braucht Fingerspitzengefühl
Eine zentrale Rolle spielen dabei Sensoren. Rückert erläuterte die Bedeutung der MEMS-Sensorik anhand eines einfachen Beispiels: Ein Roboter soll zwischen einem rohen Ei und einem Apfel unterscheiden.
Kameras liefern Informationen über Form und Farbe. Drucksensoren erkennen Materialeigenschaften, Oberflächenstrukturen und Widerstände. Erst die Kombination dieser Daten ermöglicht es dem KI-System, die Situation korrekt zu interpretieren.

„Es geht um Sehen, es geht um Fühlen, es geht um Verstehen“, erklärte Tanja Rückert.
Für Bosch sind MEMS-Sensoren deshalb weit mehr als einzelne Bauteile. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Maschinen Berührungen wahrnehmen und auf physische Reize reagieren können.
Wie groß die Herausforderung tatsächlich ist, machte Stefan Hartung mit einem eindrucksvollen Vergleich deutlich:
„Ein Mensch hat vier Millionen Tastsensoren - davon etwa 260.000 in einer Hand. Davon sind heutige Robotersysteme noch weit entfernt. Bei modernen Roboterhänden sind derzeit oft lediglich acht Sensoren pro Finger im Einsatz. Wenn wir acht Sensoren hätten, wären wir ausgestorben.“
Noch deutlicher wurde Hartung bei der Beschreibung der menschlichen Hand: „Jeder, der einen Handchirurgen kennt, weiß: Das ist wahrscheinlich eines der kompliziertesten Dinge, die wir am Körper haben.“
Für Bosch entsteht daraus ein enormes Geschäftspotenzial. Der Konzern ist Weltmarktführer bei MEMS-Sensoren und sieht die Technologie als einen der entscheidenden Bausteine für die nächste Robotikgeneration. Nach Einschätzung des Unternehmens wird gerade der Bedarf an Sensorik mit dem Aufkommen humanoider Systeme massiv steigen.
Bosch will das Gehirn und Nervensystem der Robotik liefern
Dabei die strategische Positionierung des Unternehmens interessant. Bosch will nicht um die Vorherrschaft bei humanoiden Robotern konkurrieren. Vielmehr versteht sich der Konzern als Technologiepartner.
„Bosch bewegt die Zukunft – auf Rädern und mit Armen“,
formulierte es Tanja Rückert.
Bosch wolle das liefern, was sie als „Gehirn und Nervensystem“ moderner Robotik bezeichnet. Dazu zählen Sensoren, Steuerungssysteme, Softwareplattformen, Servoantriebe und KI-Komponenten.
Ein zentraler Baustein ist dabei die offene Plattform ctrlX AUTOMATION von Bosch Rexroth. Sie macht Robotik-Systeme modular und schnell integrierbar und erleichtert die Verbindung unterschiedlicher Komponenten.
„Wir machen Robotik zugänglich, modular und schnell integrierbar“, erklärte Rückert.
Bosch Rexroth arbeitet bereits heute an Projekten, bei denen fahrerlose Transportsysteme mit hochpräzisen Roboterarmen kombiniert werden. Ziel ist es, flexible Automatisierungslösungen zu schaffen, die sich in bestehende Produktionsumgebungen integrieren lassen.
Der wahre Wettbewerbsvorteil sind die Daten
Neben Hardware und Sensorik identifiziert Bosch einen weiteren entscheidenden Erfolgsfaktor: Daten.
Das Unternehmen verfügt über mehr als 230 Werke weltweit und nutzt diese Produktionsumgebungen als Trainingsfeld für KI-Systeme.
„Unser entscheidender Wettbewerbsvorteil sind nicht die Maschinen allein, sondern die Daten unseres globalen Fertigungsverbunds“,
betonte Rückert.
Dieser Datenschatz ermöglicht es, KI-Modelle nicht nur mit idealisierten Laborbedingungen zu trainieren, sondern mit den Unwägbarkeiten realer Produktionsumgebungen.
Genau dort liegt nach Ansicht von Bosch der Unterschied zwischen Forschung und industrieller Anwendung.
„In einer echten Fabrik passieren unvorhergesehene Dinge“, erklärte die Bosch-CDO. Bauteile weisen Toleranzen auf, Prozesse verändern sich, Umgebungen sind dynamisch. Wer Robotik in solchen Szenarien zuverlässig einsetzen wolle, benötige reale Daten.
Parallel setzt Bosch sehr bewusst auf Partnerschaften, um die Entwicklung weiter zu beschleunigen. Um in diesem Bereich Fahrt aufzunehmen, sind eine Menge an Partnerschaften wichtig und notwendig. Nvidia, Microsoft, Alibaba und viele mehr sind neben Industriepartnern Teil des geformten Ecosystems. Besonders hervorgehoben wurde die Zusammenarbeit mit Neura Robotics. Gemeinsam arbeitet man an der Weiterentwicklung sogenannter kognitiver Roboter. Darüber hinaus unterstützt Bosch internationale Robotik-Start-ups bei der Industrialisierung und Serienfertigung ihrer Systeme.
In China bündelt das Unternehmen seine Aktivitäten inzwischen im neu gegründeten Bosch Robotics Center China (BROC), das sich speziell mit Physical AI und der Skalierung von Robotiklösungen beschäftigt.
KI braucht Gestaltung statt Angst
Bei aller technologischen Euphorie warnte Stefan Hartung davor, die Diskussion über künstliche Intelligenz auf Risiken und Bedrohungsszenarien zu reduzieren. Die Technologie stehe erst am Anfang ihrer Entwicklung, gleichzeitig werde sie die Art, wie Menschen arbeiten, produzieren und mit Maschinen interagieren, grundlegend verändern.
In seiner Keynote sprach Hartung von einer historischen Zäsur und bezeichnete KI als die „dritte große Revolution“ nach der Sesshaftwerdung des Menschen und der wissenschaftlichen Revolution. Gerade deshalb müsse die Entwicklung aktiv gestaltet werden.
„Wir haben die Verantwortung, dieser Entwicklung einen positiven, lebensbejahenden und liberalen Weg zu geben.“
Der Bosch-CEO räumte ein, dass neue Technologien stets Unsicherheit auslösen. Gleichzeitig plädierte er dafür, den Blick stärker auf die Chancen zu richten. Die aktuelle Debatte sei häufig von Sorgen geprägt, während die Möglichkeiten der Technologie zu wenig diskutiert würden.
Auch mit Blick auf Robotik widersprach er den häufig geäußerten Befürchtungen einer Verdrängung des Menschen durch Maschinen. „Menschen haben immer neue Dinge gefunden, die sie tun können." Und weiter:
„Moderne Technologien haben historisch immer zu mehr Arbeit und mehr Kreativität geführt.“
Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sieht Hartung intelligente Automatisierung nicht als Bedrohung, sondern als notwendige Ergänzung menschlicher Arbeitskraft. Die eigentliche Herausforderung bestehe daher nicht darin, KI aufzuhalten, sondern sie verantwortungsvoll nutzbar zu machen.
Europa darf sich nicht selbst ausbremsen
Diese Herausforderung führte Hartung schließlich zu einer grundsätzlichen Frage der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.
Auslöser war die Ankündigung eines US-Technologieunternehmens, bestimmte KI-Funktionen aufgrund regulatorischer Rahmenbedingungen zunächst nicht in Europa bereitzustellen.
Für den Bosch-Chef ist das ein Warnsignal: „Wollen wir dabei sein, wenn es darum geht, moderne KI-Modelle zu generieren?“ Europa müsse sich entscheiden, ob es die Entwicklung neuer Technologien aktiv mitgestalten oder lediglich beobachten wolle. Dabei gehe es nicht nur um Forschung, sondern vor allem um Verfügbarkeit und Anwendung.
„Wenn ein Europäer kein KI-System benutzt, dann hat er einen Nachteil. Ganz klar.“
Dieser Nachteil betreffe künftig nahezu alle Bereiche – von Robotik über Mobilität bis hin zu industriellen Assistenzsystemen.
Stefan Hartung plädierte deshalb für einen ausgewogenen Regulierungsansatz:
„Wir müssen echt aufpassen, dass wir mit unserer Regulierung uns nicht selber ein Bein stellen.“
Seine Botschaft passt nahtlos zur Robotik-Strategie von Bosch. Die nächste Innovationswelle werde nicht in zehn oder zwanzig Jahren kommen – sie habe bereits begonnen: „Da müssen wir auch dabei sein. Deswegen sind wir da auch dabei.“

Für Bosch bedeutet das, die Brücke zwischen digitaler Intelligenz und physischer Welt zu bauen. Nicht als Hersteller humanoider Roboter, sondern als Anbieter jener Technologien, die Maschinen sehen, fühlen, lernen und handeln lassen. Die nächste industrielle Revolution, so die Botschaft aus Berlin, beginnt nicht mit einem neuen Algorithmus. Sie beginnt dort, wo künstliche Intelligenz einen Körper bekommt.
it&d business Redaktion





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