Künstliche Intelligenz als Lawine in Zeitlupe
- michaeldvorak30
- 2. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Nov. 2025
Für den Digitalisierungs- und KI-Experten Andreas Schumacher ist es eine Scheindiskussion, ob wir KI als Gesellschaft annehmen oder ablehnen wollen, weil es ohne KI in 10 Jahren keinen Wohlstand mehr geben wird.

Uns Menschen fällt es schwer, exponentiell zu denken, das mussten wir bei den Anstiegszahlen der COVID-Fälle während der Pandemie bereits erfahren. Selbige Schwäche trifft uns im KI-Bereich. Als Beispiel konnten im anerkannten KI-Benchmarktest „Humanity’s Last Exam”, einem Katalog aus 3.000 Experten-Fragen, Modelle wie GPT-4o Mitte 2024 noch weniger als fünf Prozent und sechs Monate später das Modell Open AI Deep Research bereits über 25 Prozent richtig beantworten. Die Netzwerkeffekte aus nun wieder sinkender erforderlicher Rechenleistung, effizienterem Modelleinsatz sowie generell erhöhter Attraktivität für Anbieter-Tools zu entwickeln, führen zu einer Lawine. „KI als Lawine in Zeitlupe“ die in den 1980er-Jahren langsam gestartet ist, aber nun volle Geschwindigkeit und Wucht erreicht hat, trifft es hier ganz gut.
Sieht man sich die europäische Antwort auf diese KI-Lawine an, wie sie etwa der EU AI Act liefert, dann scheint es so, als begänne man nun Bäume zu pflanzen in der Hoffnung, diese zu bremsen, anstatt sich zu überlegen, wie man deren Energie nutzen kann. Bis dato gibt es in Europa wenige Beispiele für Wettbewerbsvorteile, die sich Unternehmen mittels KI auf dem Weltmarkt verschaffen konnten. Und hier müssen wir ansetzen.
KI ist keine Investitionsentscheidung
KI ist auch keine Technologie. KI ist ein ständiger Begleiter auf einer virtuellen Ebene, in der zukünftigen Wichtigkeit vergleichbar mit Sprache oder Mathematik. Damit wird KI zu einer Kompetenz, welche wir allen Mitarbeitenden beibringen müssen, und nicht nur wenigen Stakeholdern oder Fachspezialisten. Dabei gibt es auch keine KI ohne Risiko. Mögliche Rechtsverletzungen durch den KI-Einsatz sind nicht auszuschließen, und das Risiko dafür ist aktuell höher, da sich die Anwendungslandschaft noch stark ändert und die Rechtsprechungen in Einzelfällen selten vorliegen. Hier liegt es wiederum an den Unternehmen, kontrollierte Risiken einzugehen, um dafür aber die Energie der KI-Lawine nutzen zu können. Einfache Guidelines und Regeln anstatt seitenlanger Standards sind hier wohl ein geeignetes Mittel, um die Mitarbeitenden abzuholen und 90 Prozent des Risikos zu minimieren.
KI in der Chefetage
Ein Beispiel: wir werden schon bald sehen, dass Manager Meetings mit KI-Agenten abhalten, um sich komplexe und umfassende Sachverhalte des eigenen Unternehmens einfach darstellen zu lassen, und so beste Entscheidungen zu treffen. Diese vollständige Integration von KI in den Arbeitsalltag bis ganz oben, versteckt oder zur direkten Interaktion, ist ein Szenario, welches die meisten Vorstände heimischer Unternehmen noch nicht greifen können. Jedoch liegt es gerade jetzt an diesen Entscheidern, KI als Ressource, vergleichbar mit Strom oder Wasser zu betrachten, wo sich auch nicht die Frage stellt, ob wir sie benötigen oder nicht.
Ein paar KI-Trainings bringen nichts
KI als Technologie oder sogar Tool zu betrachten, birgt die Gefahr, zu glauben, dass ein paar Trainings für Mitarbeitende ausreichen, um das nötige Bewusstsein und die erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln. Das Geheimnis liegt hier eher darin, die eigene Entdeckungslust der Mitarbeitenden zu wecken, etwa über den Chatbot fürs Mittagsmenü. Desto mehr „Gamification“ in der Lösung steckt, desto besser für den Anfang. Die wirklich effizienz-
steigernden Lösungen in den Fachbereichen können dann auf diesen spielerisch erlernten Kompetenzen aufbauen.
KI ist vermehrt ein sozialwissenschaftliches Thema und kein Technologiethema und ist damit in IT-Abteilungen grundlegend falsch aufgehängt. Die IT-Abteilung als digitales Immunsystem des Unternehmens muss folgerichtig „allergisch” auf drastische Veränderungen der Software- und Datenlandschaft reagieren. Aufgrund des inhärenten Risikos von KI treiben IT-Abteilungen das Thema mit angezogener Handbremse. Als Lösung müssen vermehrt Abteilungen des Business beziehungsweise HR und Communication zum Treiber werden, um die Menschen näher an diesen ständigen Begleiter heranzuführen. Das funktioniert nach amüsanten Anwendungen wie dem bereits erwähnten Kantinen-Chatbot folglich nur über Anwendungsfälle, die dem operativen Geschäft einen sichtbaren Mehrwert bringen.
Die verfolgten Mitarbeitertugenden
In Summe zwingt die KI zur Verwerfung der „alten Arbeitstugenden“. Der wertgeschätzte Mitarbeitende war ausdauernd, genau und zuverlässig, perfekt für Routineaufgaben. Diese Tugenden wurden bereits über Automatisierungslösungen nachgestellt. Bei den verbleibenden Tugenden wie Kreativität, Empathie und Leidenschaft nagt die KI auch bereits an der Kreativität, wie Gedichte oder KI-generiertes Design uns zeigen, und auch die Empathie ist nicht gesichert. Denn zwar kann eine KI nicht empathisch sein, jedoch als empathisch(er) empfunden werden, wie anonyme Online-Konsultationen mit realen Ärzten versus KI-Agenten zeigten. Diese wurden von Nutzern als durchwegs empathischer bewertet, ohne zu wissen, dass ein Softwaresystem dahintersteckte. Ein erdrutschartiger Wegfall vieler Jobs ist dadurch nicht zu erwarten, jedoch wird sich jedes Jobprofil in Unternehmen in den kommenden drei Jahren grundlegend ändern.
Was jetzt tun mit der KI?
Es gilt die gesellschaftlich-philosophische von der unternehmerischen Diskussion etwas zu trennen, um sinnvolle Entscheidungen für das Unternehmen treffen zu können. Nach einer durchaus amüsanten Anfangsphase des KI-Hypes müssen wir uns in den Unternehmen vom KI-Zynismus in die Realität bewegen und das Management KI-entscheidungsfähig machen. Den Blick auf fünf bis zehn Jahre zu legen, bringt wenig; hier gilt es, sich zu überlegen, was man in den nächsten vier Wochen umsetzen kann, da sich die Umstände für lange Roadmaps zu schnell ändern. Längerfristig muss das Thema „Daten als Unternehmensressource“ für alle Unternehmen zur höchsten Priorität werden, denn ohne qualitative Daten kann keine KI-Umgebung aufgebaut werden. Wir müssen in Summe das Thema KI also vom „Nice-to-have“ zum „Strom-und-Wasser“- oder „Deutsch-und-Mathematik“-Thema machen, um nicht von der KI-Lawine verschüttet zu werden.
Gastbeitrag von Andreas Schumacher





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