Die blinde Stelle von Zero Trust: KI-Agenten und maschinelle Identitäten
- 9. Juni
- 4 Min. Lesezeit
In seinem Gastbeitrag erläutert Josef Nemecek, Field CTO DACH bei Saviynt, warum klassische Zero-Trust-Strategien angesichts autonom agierender KI-Agenten zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Er zeigt auf, welche Risiken von maschinellen Identitäten ausgehen, weshalb Identity Governance zur zentralen Sicherheitsdisziplin wird und wie Unternehmen ihre digitale Souveränität auch in einer von KI geprägten IT-Landschaft bewahren können.

93 Prozent der deutschen CISOs bestätigen: KI-Identitäten greifen bereits auf SAP, Salesforce und ServiceNow zu. Nur ein Viertel steuert diese Zugriffe mit klaren Regeln. Zero Trust ohne Identity Governance für KI-Agenten ist ein Versprechen ohne Substanz.
Zero Trust gehört längst zum Standardrepertoire moderner Sicherheitsstrategien. Kein Zugriff ohne Prüfung, keine Verbindung ohne Verifizierung. Das Prinzip ist richtig – aber es stammt aus einer Zeit, in der fast ausschließlich Menschen auf Systeme zugriffen.
Diese Realität verändert sich gerade fundamental. KI-Agenten greifen heute eigenständig auf SAP-, Salesforce- oder ServiceNow-Umgebungen zu, treffen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen und kommunizieren untereinander. Das Ganze geschieht oft ohne transparente Governance oder klar definierte Verantwortlichkeiten.
Genau hier liegt die blinde Stelle vieler Zero-Trust-Strategien.
Ein KI-Agent arbeitet nicht in Schichten. Er agiert permanent, autonom und in Maschinengeschwindigkeit. Berechtigungen werden nicht mehr ausschließlich über klassische HR-Prozesse vergeben, sondern zunehmend über APIs, Service Accounts oder Low-Code-Workflows.
In vielen Unternehmen existieren diese Identitäten bereits außerhalb etablierter Governance-Prozesse. Häufig gibt es keine vollständige Transparenz darüber, welche Systeme sie nutzen und welche Rechte sie besitzen.
Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Eine Saviynt-Studie unter 100 deutschen CISOs und CIOs (https://www.saviynt.com) macht das Ausmaß sichtbar. 93 Prozent bestätigen, dass KI-Identitäten bereits auf Kernsysteme zugreifen. Nur 25 Prozent steuern diese Zugriffe mit klaren Richtlinien. Mehr als die Hälfte hat keinen vollständigen Überblick über die KI-Identitäten in ihrer Umgebung. 76 Prozent haben unsanktionierte KI-Tools entdeckt, sogenannte Shadow AI, oft mit eigenen Zugangsdaten und erhöhten Berechtigungen.
Die Zahlen stammen aus Deutschland, aber das Problem ist DACH-weit identisch. Österreichische Unternehmen setzen dieselben Cloud-Plattformen ein, nutzen dieselben KI-Dienste und stehen vor denselben Governance-Lücken. Die PwC Digital Trust Insights 2026 zeigen, dass österreichische Unternehmen bei Cybersecurity-Investitionen hinter dem internationalen Durchschnitt zurückbleiben und fehlendes Fachwissen die Einführung moderner Sicherheitslösungen bremst.
Was Anthropics Mythos mit Identity Governance zu tun hat
Im April 2026 hat Anthropic sein KI-Modell Mythos veröffentlicht. Es findet autonom Sicherheitslücken in Betriebssystemen und Browsern. In FreeBSD entdeckte es eine 17 Jahre alte Schwachstelle. In OpenBSD einen Bug, der 27 Jahre unentdeckt geblieben war. Mozilla hat mit Mythos 271 Schwachstellen in Firefox identifiziert und gepatcht.
Das BSI spricht von einem möglichen Paradigmenwechsel. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Die Zeit zwischen dem Auffinden und dem Ausnutzen von Schwachstellen schrumpft dramatisch.
Damit verschiebt sich auch der Schwerpunkt der Verteidigung. Wenn Angriffe zunehmend über bereits vorhandene Identitäten erfolgen, wird Identity Governance zur zentralen Kontrollinstanz moderner Sicherheitsarchitekturen.
Drei Szenarien, die jedes Unternehmen betreffen
Ein Unternehmen testet einen KI-Agenten für die Automatisierung von Compliance-Prüfungen. Nach der Pilotphase wird das Projekt eingestellt. Der Agent läuft weiter. Er hat weiterhin Zugriff auf Finanzdaten und Audit-Systeme, weil ihn niemand im Identity-System erfasst hat. Kein Verantwortlicher, kein Ablaufdatum.
Ein externer Dienstleister liefert einen KI-Agenten für vorausschauende Wartung. Der Agent greift auf Produktionsdaten zu. Der Dienstleister wird kompromittiert. Die Zugangsdaten des Agenten landen beim Angreifer. Der bewegt sich anschließend durch die Systeme des Unternehmens. Von innen sieht der Zugriff völlig normal aus.
Eine Fachabteilung erstellt über eine Low-Code-Plattform eigene KI-Agenten. Die greifen auf Kundendaten und ERP-Systeme zu. Die IT-Sicherheit erfährt davon nichts.
Alle drei Fälle haben eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht mit Firewalls lösen. Und sie lassen sich auch nicht mit einem Zero-Trust-Konzept lösen, das nur menschliche Identitäten erfasst.
Was „Trust" in einer KI-getriebenen Welt verlangt
Vertrauen in digitale Infrastrukturen setzt voraus, dass man weiß, wer zugreift. Das gilt für Menschen genauso wie für Maschinen. Identity Governance muss deshalb alle Identitätstypen umfassen.
Sichtbarkeit steht am Anfang. Welche KI-Agenten sind aktiv, autorisiert oder nicht? Welche Berechtigungen haben sie? Auf welche Systeme greifen sie zu? Ohne ein vollständiges Inventar lässt sich nichts steuern.
Dann kommt Lifecycle-Management. Jeder KI-Agent braucht einen menschlichen Verantwortlichen, ein Ablaufdatum und einen definierten Prozess für Registrierung, Änderung und Stilllegung. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis fehlt es fast überall.
Und schließlich Echtzeit-Kontrolle. Ein Agent, der in Millisekunden Entscheidungen trifft, lässt sich nicht mit einer halbjährlichen Rezertifizierung kontrollieren. Zugriffe müssen in Echtzeit geprüft und unautorisierte Aktivitäten sofort unterbunden werden.
Digitale Souveränität beginnt bei der Identität
Die Debatte um digitale Souveränität dreht sich oft um Cloud-Standorte und Abhängigkeiten von US-Anbietern. Das ist berechtigt. Aber es greift zu kurz. Wer nicht weiß, welche Identitäten mit welchen Rechten auf seine Systeme zugreifen, hat keine Souveränität über seine Daten, egal wo die Server stehen.
NIS2 ist in Kraft. DORA verlangt von Finanzunternehmen eine strenge Steuerung von IKT-Risiken und Drittanbieter-Zugriffen. Das KRITIS-Dachgesetz verpflichtet Betreiber kritischer Infrastrukturen zu höheren Standards. In Österreich verschärft das NIS-Gesetz 2024 die Anforderungen zusätzlich. Keine dieser Regulierungen unterscheidet zwischen menschlichen und maschinellen Identitäten. Die Pflicht zur Kontrolle gilt für alle.
Zero Trust bleibt ein richtiger Grundsatz. Doch in einer Welt autonomer Systeme reicht es nicht mehr aus, ausschließlich menschliche Nutzer zu kontrollieren.
Die zentrale Sicherheitsfrage lautet zunehmend:
Wer – oder was – greift auf kritische Systeme zu?
Solange Unternehmen diese Frage nicht in Echtzeit beantworten können, bleibt Zero Trust unvollständig.
Gastbeitrag von Josef Nemecek





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